Nachhaltigkeit Persönliches

Aussteigen?

Der Traum vom Aussteigen. Alle Konventionen über Bord werfen und volle Fahrt voraus in ein Leben, das die Selbstverständlichkeiten unserer Gesellschaft infrage stellt. Alternative Modelle von (Zusammen-)leben erproben, mutig sein, frei sein…

Ich bin eigentlich nicht der Typ für solche Spinnereien. Sicherheit war für mich immer ein wichtiges Thema. Auf dem Spielplatz waren mir Schaukeln und Wippen unheimlich, im Urlaub konnten meine Eltern mich nur schwer überreden, eine Rundreise zu machen, weil ich wissen wollte, wo wir am nächsten Tag sind, ob wir ein Dach über dem Kopf haben und ob es da was zu essen gibt. Nachts mussten meine Großeltern ihr Haus von innen abschließen, damit ja kein „Böser“ reinkommt.

Lebensmodelle, die sich den gängigen Strukturen des Arbeitsmarkts entziehen, sind in puncto Sicherheit wahrlich nicht die erste Wahl. Dennoch mache ich zunehmend Erfahrungen, die mich vom Konzept einer 40-Stunden-Woche entfremden und die mich zweifeln lassen, ob ein Leben, das nicht grundliegend von der Norm abweicht, für mich infrage kommt. Ich habe die stärker werdende Vermutung, dass ich nur im Einklang mit meinen eigenen Überzeugungen und meinen Bedürfnissen leben kann, wenn ich aussteige.

Für mich und euch habe ich diese Überzeugungen und Bedürfnisse in vier Schlagwörtern zusammengefasst, die ich im Folgenden kurz vorstelle.

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aussteigen_nachhaltigkeit

Beginnen wir mit der Feststellung, dass es den einen richtigen Weg des nachhaltigen Lebens nicht gibt. Erstens gibt es immer eine Minimierung des eigenen ökologischen Fußabdruckes bis zur völligen Selbstaufgabe, denn die ultimative Ressourcen- und Klimaschonung wäre die Nicht-Existenz der Menschen. Nachhaltigkeit ist deshalb ein Nicht-Ort, der nie ganz erreicht werden kann.

Zweitens, und das ist weniger banal, gibt es unendlich viele Bereiche, in denen man nach Nachhaltigkeit streben kann. Wir als Kollektiv, und jede_r für sich, verfügen über ein begrenztes Wissen über die komplexen Zusammenhänge unserer Welt. Gestern galt es als die ultimativ nachhaltige Lebensweise Milchprodukte durch Sojaerzeugnisse zu ersetzen. Heute sollten wir dem Regenwald zuliebe Soja meiden und auf Hafer oder Dinkelmilch umsteigen. Was als nachhaltig gilt, hängt am Stand der Forschung und ist mitunter auch modischen Trends unterlegen.

Vegan leben, Plastikfrei leben, Geldlos leben… die Liste ist unendlich lang. All diese alternativen Lebenskonzepte sind Zeitaufwändig, meist dauerhaft. Selbst kleine Veränderungen im Lebensstil setzen voraus, dass man Zeit investiert, um sich in das Thema einzulesen und seinen Alltag entsprechend anzupassen. Und immer bleibt die Frage, die ich auch in meinem Artikel über den Effektives Altruismus angeschnitten habe, ob man über das Prinzip „Earn to Give“, also möglichst viel Geld zu verdienen um möglichst viel zu spenden, nicht im Endeffekt mehr erreichen könnte. Wie setze ich also meine Zeit am gewinnbringendsten ein?

Und zuletzt die Frage nach der Radikalität: Ist es sinnvoller sich allen Normen zu widersetzen, d.h. „radikal“ anders zu leben oder sollte man ein lebensnahes Vorbild für andere Menschen werden? Zu all diesen Fragestellungen gibt es wohl mehr Antworten, als Menschen, die sich damit beschäftigen.

Das nur als Vorabrede. Mir ist Nachhaltigkeit wichtig. Ich denke, dass es moralisch richtig ist, nach einem nachhaltigen Leben zu streben und ich weiß, dass es mich glücklich macht, wenn ich Entscheidungen treffe, die ich als nachhaltig empfinde.

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aussteigen_einfachheit

In meiner Studienstadt hatte ich ein 27qm großes Zimmer, gut gefüllt mit Möbeln, Gegenständen des täglichen Gebrauchs und Dingen, die ich innerhalb der vier Jahre höchstens einmal in die Hand genommen habe. Für drei Monate habe ich nun in Berlin gelebt; alles was ich hatte war in zwei Koffern unterzubringen. Jetzt lebe ich für ein Jahr in einer neuen Stadt und mit etwas mehr Komfort. Meine Habseligkeiten würden nun in circa vier Umzugskartons passen (da ich zur Zwischenmiete lebe, zähle ich Mobiliar nicht mit ein).

Die meisten Dinge, die mich heute in meinem Zimmer umgeben, brauche ich regelmäßig. Dadurch erhalten alle Gegenstände eine Bedeutung; der Wert jedes einzelnen Dings ist groß. Ordnung halten ist viel einfacher, was meinem Bedürfnis nach Ordnung sehr entgegen kommt. Ich fühle mich gut mit weniger und mir fehlt nichts. (Ich habe zwar immer wieder den Instinkt, mir Neues zu kaufen, aber der Wille ist groß, mit weniger Dingen zu leben. Sicher ist Konsum ein erlerntes Handlungsmuster, das ein Leben lang wieder verlernt werden muss.)

Das Konzept, das diesem Bedürfnis entspricht, nennt sich Minimalismus. Das Motto: Es macht frei, Dinge loszulassen. Der Begriff Minimalismus passt für mich allerdings nicht ganz, denn die Reduzierung von Materiellem ist nur die eine Seite. Die Lebensqualität und die Zeit, die man mit Menschen und nicht mit Dingen zutut, wird maximiert. Das Leben ist voller, reicher und dynamischer.

Einfachheit hat natürlich auch eine wesentliche nachhaltige Komponente (weniger Besitz bedeutet weniger Konsum), wodurch die ersten beiden Bereiche ihren Zusammenhang erhalten.

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aussteigen_selbstverwirklichung

Mit dem Namen dieses Gebiets bin ich nicht ganz zufrieden. Ich hätte ihn auch Freiheit oder Zeit nennen können. Was ich damit meine, ist das Bedürfnis nach Zeit für mich und zur freien Verfügung. Ich möchte Herrin meines eigenen Lebens sein, bestimmen, wann ich wieviel arbeite. Den Begriff der Arbeit fasse ich sehr weit: ich meine damit alles produktiv tätige Handeln.

Zudem kommt, dass ich die Arbeit, die ich mache, als sinnvoll erachten möchte. Der Zweck meiner Arbeit sollte über das bloße Geldverdienen hinausgehen. Das heißt, dass Leben und Arbeiten nicht getrennt voneinander geschehen sollte. Sehr gut hat mir eine Dokumentation über Müßiggang gefallen.

Momentan verbringe ich drei bis vier Stunden am Tag mit meinem Selbststudium. Ich erlaube mir, mich mit allem Themen zu beschäftigen, die mich interessieren. Selbst ein Wechsel zwischen den Themen ist möglich. Bevor ich mit diesem Artikel begonnen habe, war mein Eintrag zur Philosophin Hannah Arendt fast fertig. Dann sah ich ein Youtube-Video, das mich zu diesem Artikel inspirierte. Ich genieße diese Freiheit enorm und sehe sie als Geschenk und Herausforderung an, die ich meistern kann.

Auch das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstverwirklichung hat das Potential, mir ein nachhaltigeres Leben zu ermöglichen. In einem Aussteiger-Lebensmodell hätte ich Zeit, mich über gute Produkte und gesellschaftspolitische Themen zu informieren. Ich könnte ein Ehrenamt ausfüllen und auf Demonstrationen gehen. Allerdings ist der Kauf von nachhaltigeren Produkte (Bio-Fairtrade) nicht billig und auch zum Spenden hätte ich weniger Geld, wenn ich weniger arbeite. In kompletter Harmonie lassen sich beide Bereiche nicht verbinden.

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Während meines Studiums war ich Teil eines Teams, das einen studentischen Freiraum verwaltete. Das Gruppengefühl war aussteigen_gemeinschafteine wunderbare Erfahrung. Alle zogen an einem Strang und es wurden großartige Projekte realisiert und ein toller Raum für Austausch an der Uni geschaffen und gehalten. Wenn es Probleme gab, wurde darüber ehrlich und respektvoll miteinander gesprochen. Es war die stärkste Gemeinschaft, die ich bisher erlebt habe.

Gemeinschaft ist für mich nicht nur eine schöne Erfahrung, quasi das (vegane) Sahnehäubchen. Auch wenn ich kein meinungsschwacher Mensch bin, gerät meine gesamte Weltsicht schnell ins Wanken, wenn ich keine Gleichgesinnten um mich herumhabe. Gemeinschaft bedeutet für mich daher ein fortwährendes „Wir akzeptieren und schätzen dich so wie du bist“. Ich ziehe mein Selbst- und Weltvertrauen aus der Bestätigung durch andere. Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich darauf nicht unbedingt stolz sein sollte. Das Ideal wäre natürlich unabhängig von der fremden Meinungen und Zuschreibungen durch Leben zu wandern. Aber so bin ich eben nicht…

Wie beschrieben, möchte ich Leben und Arbeiten nicht als voneinander getrennte Sphären wahrnehmen. Daraus folgt, dass die Gemeinschaft, in der ich lebe, gleichzeitig mein Arbeitsumfeld sein könnte. So waren die Mitglieder des Studierenden-Teams gleichzeitig meine Kolleg_innen und meine Freund_innen. Ich will mit Menschen arbeiten, die ich mag, denn ich verbringe viele Stunden täglich mit ihnen.  Wenn Beruf und Privat näher zusammenfallen, dann fallen auch berufliche Kontakte und Freunde zusammen und das finde ich schön und wichtig.

Nachhaltig ist ein gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten mit Sicherheit, denn in einer Gemeinschaft, wie ich sie mir wünsche, würden wir viele Dinge teilen und wiederverwenden. Zudem profitierten alle von einem alltäglichen Wissensaustausch über Themen der Nachhaltigkeit („Kennst du eine nachhaltige Alternative zu Sonnenmilch?“ „Wer kann mir helfen meinen Reißverschluss zu reparieren?“).  In der Gemeinschaft „Sieben Linden“, über die ich gleich noch sprechen möchte, ist der ökologische Fußabdruck der Bewohner_innen laut zwei unterschiedlichen Studien um das 73-fache geringer als beim durchschnittlichen Menschen in Deutschland.

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Im zweiten Teil dieses Beitrags stelle ich zwei Lebenskonzepte vor, die mich faszinieren und von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie mir entsprechen: Tiny Houses und Ökodörfer.

Beitragsbild: „Nur um der Sehnsucht willen“ von Thomas Schaal, Some rights reserved, Quelle: www.piqs.de

Ein Kommentar

  1. Wunderschön! Ich hoffe, du kannst von deinen Idealen und Überzeugungen möglichst viel in deinem Leben umsetzen.
    Nochmal zum Spenden, worum es ja auch in deinem ersten Artikel ging: Ich bin nicht der Meinung, dass man unbedingt (viel) spenden muss. Wichtig ist die Verantwortung, die man für das Gemeinsame/die Gesellschaft übernimmt. Wenn sich jemand die Zeit nimmt, über (eigene und allgemeine) Dinge nachzudenken und sie zur Diskussion zu stellen, sich gesellschaftlich zu informieren und mitzuwirken, sich in seinem Umfeld und/oder politisch zu engagieren, ist das sehr viel wert. Es ist schön, wenn Menschen von ihrem Einkommen etwas spenden. Andere, die vielleicht ein weniger „materielles“ Lebensmodell haben, bringen ihre Zeit und ihren persönlichen Einsatz ein. Alles wird gebraucht, und jede/r nach ihrer/seiner Facon!

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