Gender Philosophie

Das F-Wort

Ein Gespenst geht um in der feministischen Bewegung. Mehr und mehr Unterstützer*innen sowie Kritiker*innen diskutieren das Für und Wider einer Umbenennung und gleichzeitigen Neuausrichtung ihrer Agenda. Heißer Kandidat auf den neuen Titel ist der Begriff des „Equalismus“ [1]. Kann und sollte dieser als Ersatz für Feminismus gebraucht werden? Eine Erörterung.

Die Grenzen meiner Sprache

Man könnte sich fragen, worin der Sinn einer ressourcenintensiven Debatte um einen Begriff liegt, wenn doch alle wissen was mit Feminismus gemeint ist. Ist es nicht gleich, wie wir das Kind benennen, solange wir alle die gleichen Ziele verfolgen? In einer kurzen sprachphilosophischen Einleitung ins Thema möchte ich argumentieren, warum dies absolut nicht der Fall ist.

Wenn wir uns mit Sprache auseinandersetzen, beschäftigen wir uns mit einem der ältesten Medien der Welterschließung überhaupt. Mithilfe der Sprache schaffen wir Hierarchien in einer Wirklichkeit voller gleichberechtigter Sinneseindrücke. Wir stellen Ähnlichkeiten fest und benennen die ähnlichen Entitäten mit demselben Wort. So generieren wir Kategorien oder, wenn man so will, ein Schubladensystem, das es uns ermöglicht in einer hochkomplexen Umwelt zu (über)leben. Zahlreiche Studien aus verschiedensten akademischen Feldern legen nahe, dass es uns nicht möglich ist, außerhalb der Kategorien der von uns gesprochenen natürlichen Sprache [2] denken zu können. So bestimmt die Struktur unserer Muttersprache, ob wir Zeit als etwas auffassen, das vergeht oder als etwas, das sich auffüllt.

Schon 1689 beschrieb John Locke die zentrale Funktion der Sprache auf komplexe Sachverhalte mit einem Ausdruck zu referenzieren [3]. Gewöhnlich stellen wir uns vor, das diese Funktion nur für die Kommunikation mit anderen wichtig ist und in der Tat könnten wir nicht kommunizieren, wenn wir keine vereinfachenden Wörter hätten, von denen wir im alltäglichen Leben ausgehen müssen, das der*die andere dasselbe meint wie wir. Doch die Referenzialfunktion der Sprache greift ungleich tiefer. Wir selbst wären nicht in der Lage, all die Facetten einer Entität zu jeder Zeit mitzudenken ohne dass unser kognitiver Apparat sofort überlastet wäre. Stattdessen erfinden wir uns ein Wort, das als gedankliche Abkürzung dient und es ermöglicht über komplexere Dinge nachzudenken ohne immer wieder die Sache selbst in Gedanken zu bewegen. Erst in zweiter Instanz kommt dazu der offensichtliche Vorteil für die zwischenmenschliche Kommunikation.

Wittgenstein schreibt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenze meiner Wirklichkeit.“ – für mich eine der prägnantesten Feststellungen über das Wesen des Menschen überhaupt. Wie wir Dinge benennen ist also nicht irrelevant, sondern ein Vorgang mit der wir die Welt auf basalster Ebene strukturieren. Begriffe sind nicht nur das Handwerkzeug der Philosoph*innen, sondern prägen auch im Alltag, wie wir über eine Sache nachdenken und kommunizieren können. Mit dieser Vorrede sollte klar sein, warum ich es wichtig finde, ob wir von Feminismus oder Equalismus reden. Für beide Begriffe gibt es gute Argumente, die ich im Folgenden gerne zusammenfassen möchte.

Großreinemachen – Argumente für den Equalismus

Feminismus hat ohne Frage viele Facetten. Frage zehn Feminist*innen nach ihrer Definition und du wirst zwölf Antworten erhalten. Nichtsdestotrotz haben die allermeisten Definitionen, die mir bekannt sind, eine gemeinsame Aussage: das Ziel des Feminismus ist Gleichberechtigung. Es geht nicht darum, die Rechte und Möglichkeiten von Frauen ins Unermessliche zu steigern. Alles was der Feminismus von Anfang an gefordert hat, sind gleiche Rechte und Möglichkeiten für Frauen und Männer. Gerade der moderne Feminismus betont in dieser Hinsicht unermüdlich die schädlichen Auswirkungen, die traditionelle Geschlechterrollen auf alle Geschlechter haben, nicht nur auf Cis-Frauen. Doch wäre es dann nicht angebrachter eben dieses zentrale Element der Gleichberechtigung im Namen zu tragen?

Ein weiteres Argument für eine Umbenennung ist die regelrechte Allergie, die viele Menschen gegen den Begriff Feminismus entwickelt haben. Feminismus wird nach wie vor von vielen mit Männerhass assoziiert und mit dem Missverständnis, es ginge Feminist*innen nur um die Belange von Cis-Frauen. Der Begriff des Equalismus könnte helfen, diese verhärteten Fronten aufzuweichen. Denn was hilft es weiter den Feminismus zu predigen, wenn die Menschen die man überzeugen will und muss, beim ersten Satz die Schotten dichtmachen? Equalismus als neuer Begriff könnte meiner Ansicht dieses größte Problem des Feminismus umgehen.

Zudem löst der Begriff des Equalismus eine weitere große Schwäche des Feminismus. Feminismus trägt die Frau im Namen und ist in einer Welt entstanden, in der geschlechtsbinäres Denken quasi unhinterfragbar war. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Punkt. Heute teilen die meisten Feminist*innen die Auffassung, dass sich Geschlecht auf einem Kontinuum zwischen Mann und Frau bewegt, es Mann und Frau in Reinform nicht gibt, bzw. das Mann und Frau schlichtweg keine sinnvollen Kategorien sind, die Gesellschaft einzuteilen. Doch diese grundlegende Veränderung unserer Weltsicht schwingt aus historischer Sichtweise nicht im Begriff Feminismus mit.

Oldy but goldy – Argumente für den Feminismus

Wenn Gleichberechtigung das Ziel ist, was ist dann der Weg? Feminist*innen sind sich einig, dass wir in einem Patriachat, das heißt in einer von Cis-Männern dominierten Welt, leben. Männer besetzen Machtpositionen und insbesondere im globalen Kontext haben sie auch auf dem Papier mehr Rechte als Frauen. Traditionelle Geschlechterrollen weisen den Frauen eine untergeordnete Position zu. Die feministischen Mittel für eine gleichberechtigte Welt, sind daher zur großen Mehrheit die Rechte der Frauen zu stärken und für ihre Umsetzung zu kämpfen. Insofern wird argumentiert, dass der Begriff des Equalismus verschleiern würde, dass nicht alle gleichbenachteiligt sind, sondern dass es die Frauen sein müssen, die nach jahrtausendelanger Unterdrückung ihre Rechte einfordern.

Ein weiteres Argument gegen den Begriff Equalismus ist seine inhaltliche Unkonkretheit.  Ob der Equalismus die. Gleichberechtigung von Mann und Frau oder von Fleisch und Gemüse fordert, ist im Begriff nicht ersichtlich, denn es fehlt der eindeutige Bezug darauf, dass es sich in erster Linie um Geschlechtergerechtigkeit handelt.

Last but not least, ist Feminismus, im Gegensatz zur Wortneuschöpfung Equalismus, ein Begriff mit Geschichte. Unter seinen Fahnen haben sich Generationen um Generationen von Menschen zusammengeschlossen um für eine gerechtere Welt einzutreten. Wie der Begriff Feminismus für Gegner*innen mit negativen Assoziationen aufgeladen ist, so ist er für Vertreter*innen der Begriff, unter dem sich innerhalb vergleichsweise kürzester Zeit unglaublich viel für die Gleichberechtigung getan hat. Der Feminismus hat Menschen vereint, hat sie Seite an Seite gestellt und so zu einer mächtigen politischen Bewegung werden lassen. Wenn wir den Begriff Feminismus in den Mund nehmen, schwingt darin ein Stolz mit, wie weit wir schon gekommen sind. Einen so mit positiven Assoziationen aufgeladenen Begriff darf man nicht leichtfertig über Bord werfen.

What’s the name of the game?

Das Streben nach einer gleichberechtigten Gesellschaft ist ein politischer Kampf. Als solcher ist er darauf angewiesen, die eigenen Reihen unter einem Banner zu einigen und gleichzeitig Außenstehende von der eigenen Agenda zu überzeugen [4]. Die Frage ist, welcher Begriff uns heute unterm Strich die besten Chancen bietet, Gleichberechtigung weiter voranzutreiben.

Ich bin keine Expertin für politische Meinungsmache; insofern steht es mir nicht zu, in dieser Frage eine abschließende Position zu beziehen. Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass wir uns in einer ehrlichen und unsentimentalen Debatte mit dieser Frage auseinandersetzen müssen. Nur dann können wir mit neuem Selbstbewusstsein den Begriff Feminismus im Mund führen und auf unsere Plakate und T-Shirts schreiben oder uns in allen Ehren vom großen Begriff des Feminismus verabschieden.


[1] Manchmal auch unter dem Begriff „Egalitarismus“ debattiert

[2] Natürliche Sprachen sind Einzelsprachen wie Französisch, Suaheli und abgetrennte Gebärdensprachen.

[3] John Locke: An Essay Concerning Human Understanding, 1689

[4] Vor diesem Hintergrund finde ich Argumente wenig überzeugend, die besagen, dass sich Feminismus und Equalismus nicht ausschließen und dass wir in öffentlichen Debatten beides gebrauchen sollten. Egal für welchen Begriff wir uns entscheiden, wir brauchen ein(!) Schlagwort unter dem die Bewegung ein Profil erhält. Diese Auffassung schließt nicht die Möglichkeit aus, in Situationen, in denen ein differenzierteres Sprechen über Gleichberechtigung möglich ist (beispielsweise innerhalb der Gruppe von Menschen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen), beide Begriffe zu verwenden.

3 Kommentare

  1. vielen Dank für den differenzierten Artikel zu Sprache! Hatte neulich erst eine Diskussion darüber, die aber eher in Richtung political correctness ging. Ich finde es auch super wichtig, Sprache zu reflektieren und bin ganz bei dir. Von der Debatte um Equalismus wusste ich noch nichts. Umso spannender! und völlig aus dem Bauch heraus, muss ich zugeben, dass ich doch sehr traurig bin, mit dem Gedanken, mich vom „Feminismus“ verabschieden zu müssen. Trotzdem merke ich oft, dass der Begriff immer noch mit seinen staubigen Klischees zu kämpfen hat. Vielleicht wäre es also auch Zeit für was Neues.

    PS: das mit dem Tür aufhalten am Ende von Stokowski ist wirklich nice. 😉

  2. An Stokowski musste ich auch zuerst denken 😉
    In der Fragerunde nach einer Lesung hat sie den Eindruck erweckt, dass ihr von allen Punkten in der Kolumne vor allem „Dankbarkeit“ am Herzen liegt. Immerhin haben Frauen unter diesem Label lange für Wahlrecht, körperliche Selbstbestimmung und überhaupt für Anerkennung als vollwertige Menschen gekämpft, und es wäre arg respektlos ihnen gegenüber, den Begriff jetzt einfach wegzuwerfen.

    Wer ihr Buch liest, erfährt übrigens auch, dass sie sich (als immerhin eine der präsenteren Feministinnen im deutschsprachigen Raum) selber lange mit der Selbstbezeichnung Feministin schwer getan hat. Durch die Phase gehen wohl die meisten einmal! Vermutlich, weil sie entweder gar keine konkrete Vorstellung oder irgendwelche schrägen Zerrbilder von Feministinnen im Kopf haben.
    Meine Einschätzung wäre dann auch, dass man Vorbehalten gegen den Begriff Feminismus am besten durch Aufklärung und Information begegnet, statt den Konflikt durch einen vermeintlich unproblematischen Bezeichner vermeiden zu wollen.

    Über mehr Beiträge zum Thema Sprache würde ich mich freuen!

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