Gender Popkultur

Er ist wieder da

Der Bachelor geht in die nächste Runde

Als ich vor fünf Jahren in die Paul-Janke-Staffel einer beliebten RTL-Kuppelshow zappte und langsam das Konzept Bachelor begriff, war ich fassungslos. Mein Gedanke: Wir leben in der Zukunft! In irgendeiner Dystopie, wo wirklich alles im Fernsehen laufen darf, das was abwirft. Sollen da allen Ernstes zwei Dutzend Frauen, die alle aussehen wie nach einem Extrem Schön-Makeover, um die Gunst eines schneidigen Junggesellen buhlen? Ganz ohne legitimierenden Überbau? Einfach so? Nein, dachte ich, das ist einfach zu schlimm. Aber wie das so ist (wir gewöhnen uns ja sehr schnell an Sachen), saß ich bereits ein Jahr und eine Staffel später bangend, lachend, betroffen, jubelnd vorm Laptop, hatte eine Lieblingskandidatin, eine Hasskandidatin und fieberte jede Woche der neuen Folge entgegen wie einer Zusage von der Uni. Alles eine einzige Soap mit Real-Life-Image.

Mittlerweile finde ich den Inhalt der Sendung im Grunde sehr ehrlich. Sie stellt unverhüllt die Normen unserer Gesellschaft aus. Wir können sehr viel darüber lernen, was sozial akzeptiert ist, wie Geschlechter und Beziehungen gedacht werden und wir können erkennen, dass alles brüchig ist. Wir können. Schon im Vorspann schlummert das Potenzial, diese Brüchigkeit sichtbar zu machen. Typ, der ein dickes Motorrad fährt und eine Sektflasche entkorkt, dass es nur so spritzt? COME. ON. Wenn das keine Parodie auf Männlichkeit ist, dann weiß ich auch nicht.

Dann geht es auch schon los. Die fröhliche Familie des neusten Prachtkerls sitzt an der Kaffeetafel und Schwesti tischt den Kuchen auf, wie es sich gehört für die Fünfziger. Alle wünschen ihrem Sebastian eine liebe, nette, hübsche Frau, wie die Mama, hahaha. Er selbst träumt von einer Kleinfamilie als Krönung seines Lebens. Am liebsten möchte er zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. (Really?) Als persönliche Schwäche nennt er, immer gewinnen zu wollen. Und er spielt natürlich Fußball, aber musste seine Profi-Karriere wegen einer Verletzung einstellen. (REALLY?) Das soll der ideale Typ sein. In 2017. Aber so detailgetreu auch jedes Klischee eines Mainstream-Mannes herausgearbeitet wird, es reicht noch nicht!

Das Bild ist erst dann komplett, wenn Sebastian in ein Flugzeug und dann in eine dekadente, amerikanische Villa und einen schicken Anzug gesteckt wird, um ihn vollständig in den Bachelor zu transformieren. Als solcher darf er dann auch auf nem roten Teppich vor seinem Palast stehen und die 22 Ladys begrüßen, die ihn zwar noch nie getroffen, sich aber unabhängig davon gern darauf beworben haben, wochenlang erbittert um seine Zuneigung zu kämpfen. Allein die Tatsache, dass das funktioniert, spricht Bände. Auf der einen Seite geht das Konzept nur deshalb auf, weil davon ausgegangen wird, dass es „den Traumtypen“ gibt, auf den ALLE Frauen abfahren, weil sie eben Frauen sind. Auf der anderen Seite haben die Bewerberinnen ein absurdes Vertrauen in RTL, den Richtigen auszuwählen.  Das scheinbar einzige Kriterium ist „Gilt gegenwärtig als geiler Typ“ (und das kann RTL gut einschätzen). Sind oft Kandidatinnen ausgestiegen, weil das nicht gereicht hat? Es ging meiner Erinnerung nach, wenn überhaupt, darum, dass es „nicht gefunkt“ hat. Sorry, du bleibst ein geiler Typ, aber es hat leider nicht gefunkt. Dabei könnte es ja sein, dass ich mit ihm rede und es nicht nur nicht funkt, sondern ich die ganze Zeit denke „WTF?“ und schnellstmöglich wieder hinter der verspiegelten Scheibe verschwinden will. Fand schon mal eine ihren Bachelor richtig kacke?

„Würde ist für Frauen unerreichbar, wenn nur eins schlimmer ist, als sich zum Objekt und Instrument der sexuellen Schmach des Mannes machen zu lassen: es nicht zu tun.“*

Sebastian jedenfalls wird von seinen 22 Miezen durch die Bank vergöttert. Sie sagen „Oh mein Gott, oh mein Gott!“, wenn sie ihn sehen, mit ihm reden und ihm wieder den Rücken kehren. Auch sonst gleichen sie sich ziemlich mit ihren langen Haaren, ihrem  Make-Up, ihren Abendkleidern und ihren High Heels. (Wie die wohl so im Real Life aussehen?) Diversität wird über Kleiderschnitte, Haarfarben und Frisuren herbeifantasiert. Eine erinnert mich an James Franco. Zwei haben sogar eine Brille. Als erstes wird Cara vorgestellt, eine 23-jährige BWL-Studentin und Golferin, die den elterlichen Betrieb übernehmen möchte, emsig ist und nicht gerne chillt. Weiß, schlank. Eine andere, weiß, schlank, soll zu ihrer Mutti nach 4 Jahren endlich mal wieder nen Kerl mitbringen und wir alle sind angehalten,  sie für ihre Figur zu hassen, weil sie essen kann, was sie will. Seufz. Es geht immer so weiter. Es werden Schuhe gesammelt, der Traumtyp soll zum Lachen bringen und beschützen, „natürlich auch ein bisschen machohaft“ sein, nicht zu nett, wild, größer. Eine der Kandidatinnen ist dann aber größer als Sebastian und das wird sofort im Interview von ihm aufgegriffen: Es sei ja schon komisch, aber kein No-Go (Sie wird gekickt). Eine Französin ist dabei (wird gekickt), eine Halbtürkin, eine Slowenin und eine Kolumbianerin. Die Halbtürkin ist die mit dem Spruch auf den Lippen, die Slowenin die Verrückte und die Kolumbianerin die Exotin. Darüber hinaus ist sie nix. Sie ist nur Kolumbianerin.  Ihre Szenen werden mit Musik unterlegt, die exotisch sein soll, aber wahrscheinlich nicht mal kolumbianisch ist. Sie nennt den Bachelor „chico“ und möchte, dass er sich „für meine Kultur“ interessiert. Wie viel sie sich davon nun selbst ausgedacht hat – ein ewiges Rätsel. Jedenfalls findet auch Sebastian, sie sei eine „sehr, sehr rassige Frau“.

Die Dialoge des Kennenlernens  laufen ungefähr so ab:

Sebastian: „Hi.“

Kandidatin: „ (Oh mein Gott.) Hi.“

[Küsschen, Küsschen]

Sebastian: „Ich bin Sebastian.“

Kandidatin: „ (Oh mein Gott.) Hi, ich bin Miezi Nr. 11.“

Sebastian: „Hi, Miezi Nr. 11.“

Kandidatin: „Hi.“

Sebastian: „Schickes Kleid/Schönes Lächeln.“

Kandidatin: „Danke.“

Sebastian: „Miezi Nr. 11, wo kommst du her?“

Kandidatin: „Ich komm aus Nürnberg, und du?“

Sebastian: „Ah, cool, aus Köln.“

Kandidatin: „Cool.“

Sebastian: „Schön.“

Kandidatin: „Schön.“

Sebastian verweist anschließend mit freundlichen Worten auf die Treppe zu seinem Königreich und packt zum Abschied jede Frau noch mal irgendwo an, als müsste er sie mit seinen Zauberhänden in Bewegung setzen und in die richtige Richtung leiten, weil die Treppe verfehlt werden könnte. Dann passiert noch zweimal was, was ich beim ersten Mal nicht raffe. Er fragt eine Bewerberin, ob sie Hilfe braucht und führt sie dann am Arm die Treppe hoch. Gleich die Nächste sagt: „Darf ich dich bitten, mich hoch zu begleiten? Ich bin ein bisschen wacklig auf den Knien.“ Sebastian: „Kein Problem, hak dich einfach ein und dann machen wir das hier gemeinsam (!!!)“ Da checke ich, dass sie in ihren Kleidern, mit ihren Schuhen und, weil das alles so aufregend ist, nicht allein die Treppe hochkommen. Oder das als Vorwand nehmen, um sich beim frisch aufgetischten Schnittchen ihres Lebens einzuhaken und einen Treppenanstieg miteinander zu teilen. Beides wäre schlimm. Hihihi, ich bin so schön und schwach und abhängig. So abhängig, weil schwach, weil schön. Schönheit ist ihrer aller Gefäß für Charakter. Schönheit ist die Voraussetzung dafür, den Bachelor mit weiteren Eigenschaften zu betören. (Wozu haben Frauen sonst Eigenschaften?)

Im Haus schnappen sie ihn sich gegenseitig weg, sind eifersüchtig aufeinander, eine besetzt zielstrebig die Rolle der Lästerschwester, sagt zu einer vorbeilaufenden Frau: „Schönstes Kleid des Abends!“ und, als die Andere vorüber ist, zur Sitznachbarin: „Muss auch n bisschen abspecken, ne?“ Wir sollen sie hassen und ich hasse sie. Diesmal mag ich Silvana, 34, Autoverkäuferin aus Berlin: Eine mit Brille.

*Penny, Laurie: Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Hamburg 2015. S. 140. 

Ein Kommentar

  1. „So abhängig, weil schwach, weil schön.“ Oh wie herrlich! Bin voll bei euch. Und ihr schafft es mich zum Lachen zu bringen, obwohl man bei dem Thema genauso gut heulen könnte! Danke für den wunderbaren Beitrag!

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