Gender Politik

Es geht nicht um Leben, es geht um Macht

Zur Aufhebung der Abtreibungsmöglichkeit im Landkreis Lüchow-Dannenberg

Im Wendland trägt sich dieser Tage das erste handfeste Drama der Post-Castor-Zeit zu: Der neue Gynäkologie-Chef der Elbe-Jeetzel-Klinik hat die Möglichkeit zur Abtreibung auf seiner Station gestrichen, weil er bekennender Christ ist. So zu lesen in der lokalen Elbe-Jeetzel-Zeitung (alles heißt dort nach den durchlaufenden Flüssen, es gibt sonst nichts), wo auch zu erfahren ist, dass er den Rückhalt der Klinikleitung genießt. Wer sich das Foto von zwei identischen weißen Männern mit Glatze und geregeltem Einkommen geben möchte, kann die EJZ vom vierten Februar gerne auf Seite 3 aufschlagen.* Auch über lokale Grenzen hinaus findet die Story Gehör. Da haben nun also zwei beschlossen, dass ein ganzer Landkreis keinen Zugang mehr zu Abbrüchen hat, weil mindestens einer an Gott glaubt.

Im Prinzip hab ich da nichts gegen. Sollen Leute dran glauben, dass bei Verbindung von Spermium und Eizelle auf magische Weise eine Seele entsteht, die ein schützenswertes Leben generiert. In baldigen Menstruationen und Wichse ist keine Seele drin (oder?), aber wenn sie sich treffen macht es BUMM. Ist okay. Sollen Leute glauben. Ich glaube auch an komische Sachen, z.B. dass die Stellung meiner Möbel Einfluss auf mein Leben hat. Würde ich nun in leitender Position in einem Krankenhaus arbeiten und verlangen, dass alles nach Feng Shui ausgerichtet wird, könnte ich gleich meine Arbeitskleidung ablegen, mir ein Bett aussuchen und auf die Psychopharmaka warten. Es fällt mir schwer, das zu schreiben, aber: Zu Recht!

Nun kommt also ein Typ, der auch irgendwas glaubt, in ebendiese Situation, seinen Glauben in den Job als Chefarzt einspeisen zu wollen. Ich stelle mir vor, wie er es zunächst der Belegschaft verklickert. Ungefähr so: „Ich bin überzeugt, dass Zellklumpen eine Seele haben und damit mehr Rechte als eine erwachsene Person mit Gebärmutter. Wie die Bibel uns lehrt, stehen die unter dem Zeug mit Seele nicht an erster Stelle. Aber denkt immer an die Zellklumpen! Schützt ihre Rechte!“ Alle nicken verständnisvoll, ist ja der Chef. Er senkt das Megaphon, steigt von seiner Milchkiste und will gerade gehen. Dann dreht er sich nochmal um: „Kam mein Anliegen zum Ausdruck?“ Zaghaftes Kopfschütteln. „Keine Abtreibungen mehr!“ In den Köpfen: What the…? Außen: Falsches Lächeln, unverfängliches Nicken. Alles geht seinen Gang. Das meint der Gute vielleicht, wenn er von „verhaltener Zustimmung“ spricht.

Warum ist das akzeptabel, aber meine fiktiven Pläne, z.B. in jedem Patient*innenzimmer ein beruhigendes Wasserspiel zu installieren, nicht? Es könnte daran liegen, dass sich bestimmte Dinge als Normalität etablieren, andere aber nicht. Christliche Argumentationsstrukturen bewegen sich innerhalb der Norm, weil sich der Glaube mit seiner Institutionalisierung als Religion historisch in unserer Gesellschaft verankert hat und konstitutiv dafür ist, wie wir sie heute verstehen. Deshalb ist Deutschland leider auch kein säkularer Staat (Niemand wird bestreiten, dass es die CDU gibt). Zusätzlich ist es für uns normal, dass Cis-Männer** über alle anderen bestimmen. Der Gedanke, Gebärmutterbesitzer*innen könnten die Pille danach wie Smarties fressen und dürften daher keinen einfachen Zugang dazu haben, ist innerhalb der Norm denkbar. Der Gedanke, sie würden Abtreibung heutzutage ohnehin als mögliche Verhütung betrachten und müssten daher davon zurückgehalten werden, ebenfalls. Sie gelten in diesen Argumentationsstrukturen als nicht zurechnungsfähig, genießen allenfalls den Status eines Grundschulkindes, das nicht weiß, was gut für es selbst ist. Schlimmstenfalls werden sie noch als „befangen“ hingestellt, wo „betroffen“ das richtige Wort wäre. Was würde umgekehrt passieren, wenn z.B. ich als Frau forderte, von nun an Cis-Männer betreffende Entscheidungen vornehmlich von allen anderen treffen zu lassen, weil erstere befangen sind und nicht wissen, was sie tun? Huuuu, Psychopharmaka-Alarm!

Nun könnte der Einwand kommen, dass der betreffende Arzt ja niemandem reinredet, sondern nur sein ganz persönliches Arbeitsumfeld nach seinen ethischen Überzeugungen ausrichten möchte. Erstens: In Deutschland besteht ein juristisch festgelegter Konsens darüber, was im medizinischen Bereich (nicht) erlaubt ist. Oh Wunder: Vor allem in Teilbereichen, die Geschlecht betreffen, musste für viele Dinge lange gekämpft werden. Dieser Konsens ist sicher nicht unhinterfragbar, meiner Ansicht nach sogar an vielen Stellen seiner Zeit hinterher, aber er existiert. Wenn sich nun eine Person entscheidet, Ärzt*in zu werden, muss sie sich dieses Wertekanons bewusst sein und kann selbstverständlich daran Kritik üben, die sich auf Argumente stützt. Die Kritik des Arztes stützt sich aber weder auf Argumente, die außerhalb seines Glaubens funktionieren, noch gibt sie sich damit zufrieden, Kritik zu sein. Es ist ein unverschämt großes Privileg, die Welt direkt nach den eigenen Vorlieben formen zu können und nicht darauf warten zu müssen, dass die eigene diskursive Arbeit Früchte trägt. „Kein Arzt macht das wirklich gerne.“, erklärt er der Lokalzeitung. Wie jede*r weiß, haben es deutsche, weiße Chefärzte in Deutschland mit am schwersten. Darauf hätte er sich also einstellen können.

Zweitens: Der Mann übt unmittelbar Macht auf betroffene Personen aus. Er herrscht. Im Landkreis gibt es nur dieses eine Krankenhaus. Für Betroffene bedeutet das: Fahrtzeiten von einer knappen Stunde bis zur nächsten Klinik und das aus einem Landkreis, in dem der öffentliche Nahverkehr praktisch nicht existiert. Das macht es nicht unbedingt leichter für viele, die sich vielleicht gegen ein Kind entscheiden würden: Alleinstehende und Minderjährige ohne Führerschein, die dann eine Mitfahrgelegenheit organisieren müssen und nicht anonym bleiben können. Personen, die bereits viele Kinder haben oder viel lohnarbeiten müssen und gerne auf lange Fahrtzeiten verzichtet hätten. Oder alles auf einmal! Sich gegenüber diesen Menschen, die es in der überwiegenden Mehrheit sehr viel schwerer haben als der so lebensfreundliche Onkel Doktor selbst, hinzustellen und ihnen selbstgefällig zu erzählen, sie sollten halt verhüten, die Pille sei ja so billig: Der blanke Hohn.

Sein klinikleitender Buddy sagt noch, er könne das schon verstehen, wenn der Chefarzt der Gyn keine Abbrüche machen will, es berge ja auch ein hohes Risiko für „die Frau“ und dafür wolle der eben keine Verantwortung tragen. Also lasst euch sagen, ihr lebensrettenden Engel, wofür ihr künftig noch die Verantwortung tragen werdet: Tiefe Scham, weil eine Person ihr instabiles Umfeld um eine Mitfahrgelegenheit bitten muss. Drama, weil jemand nicht anders kann, als die eigenen Eltern (vielleicht solche wie ihr, die hypothetisches Leben mehr schätzen als Reales) einzubeziehen und der Konflikt für immer in der Familie schwelt. Trauma, weil einige vielleicht keinen Ausweg sehen, als sich anders zu helfen. Verantwortung für all den Kummer im Leben von Menschen, die Künstler*innen, Politiker*innen, Tischler*innen und Ärzt*innen geworden und geblieben wären, wäre da nicht ein Kind, das sie nicht wollen.

* Ich zitiere die Aussagen der beteiligten Personen aus dem genannten Artikel.

** Cis zu sein, bedeutet, das Geschlecht zu haben, das bei der Geburt zugewiesen wurde.

Während ich diesen Beitrag fertigstelle, wird auch Kritik vonseiten der deutschen Geschäftsführung des schwedischen Gesundheitskonzerns öffentlich, zu dem die Klinik in Dannenberg gehört. Es bleibt spannend. 

2 Kommentare

  1. Normen zu verhandeln ist schwer. Ich habe den Zeitungs-Artikel gelesen, den Du zitierst und mich gefreut über die Reaktionen des Mutterkonzerns Capio. Auch aus der Politik (Landrat) kommen offenbar Positionen, die für mich vernünftig klingen. Beide berufen sich nicht auf Dogmen, sondern auf Normen, die sich herausgebildet haben als Konsens der Gesellschaft. Das sind errungene Kompromisse, keine Wahrheiten. So schwach ist die Rechtfertigung hinter der Identität einer aufgeklärten Gesellschaft. Mehr ist da nicht.
    Dogmen haben mehr, sie argumentieren mit der Macht des Gewissens und von hinten schaut den Fahnenträger*innen das ewig Wahre über die Schulter, schiebt sie unerbittlich an die Front.
    Ich finde, diese „ermächtigten“ Positionen sind viel zu beobachten, seit einigen Jahren und zunehmend. Die aufgeklärte Vernunft erscheint unzeitgemäß, obsolet sozusagen.
    Vielleicht ist ein Blog und sind die sozialen Medien ein Ort, um aktuelle Diskurse weltanschaulich vorzuverhandeln. Meinung und Bekenntnis sind notwendig und müssen immer wieder formuliert werden um sie dann in die Hauptverhandlung der gesellschaftlichen Normbildung und Gesetzgebung zu überführen. Ich lese Deinen Artikel als kämpferischen Kommentar in einer solchen Vorverhandlung. Für die Hauptverhandlung hoffe (und erwarte) ich, dass der Konsens unserer Gesellschaft die Wiederaufnahme der Möglichkeit zur Durchführung von Abtreibungen an der Klinik erzwingen wird.

  2. Liebe Phi,
    ein sehr kämpferischer Text, den du da mit uns teilst. Ich würde mir sehr wünschen, wenn er von vielen gelesen wird, am besten von besagtem Chefgynäkologen und Klinikleitung. Ein wütender Aufschrei gegen unzumutbare Entscheidungen eines elitären Kreises. Danke für deine Stimme!

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