Persönliches Politik

Ich und die AfD-Demo

Unser erster Gastbeitrag. Vielen Dank an Shijou für den tollen Text, der mir aus dem Herzen spricht!

Es ist der Tag nach der Anti-AfD-Demo. In dem Dorf, in dem ich wohne, in dem Landgasthof, an dem ich täglich vorbeifahre, hat die AfD gestern einen Informationsabend abgehalten. Einen Tag vorher wurde das den örtlichen Studierenden bekannt und so zog ein Trupp radelnder Studis durch die kalte Dunkelheit dort hin, ich mittendrin. Das ist neu für mich. Ich bin kein Mensch, der auf Demos geht. Bisher zumindest. Meine Demo-Erfahrungen stammen grob gesagt aus den letzten Monaten und beschränken sich auf eine Anti-TTIP-Demo in Hannover und eine ziemlich mickrige Klimagipfel-Demo in Lüneburg. Für Hannover hatte ich sogar ein Banner gemalt. Eigentlich hatte ich aber mehr das Gefühl, zu Gast zu sein. Mich staunend und ein bisschen verlegen umzusehen, eigentlich mehr mit dem vagen Gefühl, Mit-Verantwortung zu tragen für die politischen Entwicklungen meiner Zeit und dabei sein zu wollen. So bin ich also froh, als ich in der Schar, die sich vorm Landgasthof zusammenrottet, ein paar Gesichter wiedererkenne. Ich fühle mich ein bisschen weniger verloren. So stehe ich mit zwei bis drei meiner Kommilitonen zusammen, wir hüpfen ein bisschen in der Kälte, um unsere Füße wieder warm zu kriegen, und schauen dem Spektakel zu. Eine Sambatruppe mit neonrosanem Outfit spielt auf, direkt unter dem einzigen erleuchteten Fenster. Bestimmt ein Dutzend Polizisten steht vor dem Gasthof und sieht mehr oder weniger durch uns durch. Auch ein seltsames Gefühl. Ein Polizist holt einen wild kläffenden und an der Leine ziehenden Hund mit Maulkorb. Ein Demonstrant scheint aus dem Veranstaltungsraum eine Disco machen zu wollen, indem er hektisch mit einer Taschenlampe zum Fenster reinleuchtet. Zwei andere unterstützen, indem sie – allerdings recht unrhythmisch – an die Scheiben klopfen. Ein VW-Bus, der für solche Aktionen vorbereitet zu sein scheint, rollt an. Generator, Mikro, und los – kurze Ansage, was der Anlass ist, wer dort ist und was die mal gesagt haben. Der Redner lässt keine Pöbeleien los, kaum Schlagworte, eher sachliche Information – ich empfinde Zustimmung für diese gelassene Art. Dann wird die Musikanlage aufgedreht und das Disco-Feeling maßgeblich unterstützt. Nun hüpfe ich mal zum Takt der Musik, mal einfach so. Meine Füße bleiben kalt. Die Anlagenmusik wechselt sich ab mit der Sambatruppe. Manchmal ist es auch eher ruhig. Leute rufen Parolen wie „Nie, nie, nie wieder Deutschland“, „No border, no nation, stop deportation“.

Die Sambatruppe ruft zwischendrin „This is what democracy looks like“. Das gefällt mir, da rufe ich versuchsweise mit, aber nicht sehr laut. Es fühlt sich irgendwie komisch an. Bei „Ganz K.[1] hasst die AfD“ mache ich nicht mit. Ich hasse nicht, das wäre wirklich übertrieben. Außerdem ist die Aussage sachlich falsch. Zumindest kann ich nicht sicher wissen, dass die hundert Studierenden, die vor dem Landgasthof stehen – und es sind, soweit ich das beurteilen kann, ausschließlich Studierende – für ganz K. sprechen. Schon gar nicht ohne demokratische Legitimation. Bin ich kleinlich? Vielleicht. Aber es widerstrebt mir, da mitzurufen.

Gut gefällt mir zum Beispiel „Nationalismus raus aus den Köpfen“. Viel besser als „Nazis raus“. Da muss ich an die Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling denken, in denen das Känguru fragt, „Wohin denn mit denen?“. Und in der Tat stellt sich die Frage: Raus aus Deutschland, das es eigentlich nicht geben sollte (siehe „nie wieder Deutschland“)? Wenn wir keine Grenze wollen (siehe „no border“), die gesamte Welt also keine abgegrenzten Gebiete kennt, wo will man die Nazis raus haben? Vermutlich habe ich die Parolen, die notwendigerweise Dinge verkürzen, nicht richtig gedeutet, weil ich nicht weiß, was genau dahinter für Gedanken stehen. Ich bin mir aber auch nicht ganz sicher, ob die Parolenrufenden das selbst wussten.

Irgendwann fängt irgendwer an, Leute zu schieben – ob es die Polizisten oder die Demonstrierenden waren, habe ich nicht mitbekommen. Darauf habe ich nun gar keine Lust. Meine Kommilitonen und ich machen ein paar Schritte zur Seite und schauen distanziert-amüsiert, leicht verwirrt und – ich für meinen Teil zumindest – auch ein bisschen ängstlich auf das seltsam träge Kräftemessen ein paar Schritte von uns entfernt. Wir unterhalten uns – wollen wir dafür stehen? Der laute, Parolen skandierende linke Mob, den die alten Herren dort drinnen vermutlich in uns sehen? Stabilisiert das nicht ein Feindbild, das deren Zusammenhalt stärker, die Fronten härter macht? Wir sind uns einig, dass es uns Statement genug ist, anwesend zu sein – und zu zeigen, dass auch Leute, die – sagen wir mal, dezentere Protestmethoden vorziehen, gegen die AfD sind. Normalos oder zumindest etwas mehr in diese Richtung.

Später, als meine Füße wieder warm und die Thermoskannen abgespült sind, spinnen die Gedanken weiter. Welche Art von Protest brauchen wir? Was kann man tun gegen die steigende Popularität der Rechten überall in Europa, eine zu große Rolle der AfD in der Bundestagswahl und gegen das, was am jenem Novembertag in K. vermutlich an haarsträubenden Wirklichkeitsverzerrungen geäußert wurde?

Zu diesen Fragen gesellt sich die Angst: Was, wenn solche Leute Mehrheiten bekommen? Bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl war’s ja schon knapp. Wenn einmal Mehrheiten etabliert sind, wird es verdammt schwer, dagegen zu mobilisieren. Schließlich ist das dann ja Demokratie, wenn die Mehrheit der Leute ihre Stimme für rechtspopulistische Parteien abgibt. This is what democracy can look like. Außerdem könnte eine Gruppendynamik entstehen, in der Leute teils einem Trend hinterher laufen um dabei zu sein, teils auch Angst bekommen und sich nicht äußern um keine Probleme zu kriegen. Schon jetzt bringt es eine Minderheit fertig, einige Lokalpolitiker mit Gewaltandrohungen zu nötigen, ihr Amt aufzugeben. Ja, vielleicht male ich ein bisschen schwarz, aber mir kommen Parallelen zu den Dreißiger Jahren in den Kopf. Ich höre in den Nachrichten Alarmzeichen über Alarmzeichen und jetzt schon die vorwurfsvolle Frage: Habt ihr es denn damals nicht kommen sehen? Warum habt ihr nichts getan?

Ich will etwas tun, damit meine tintenschwarzgemalten Bilder nicht am Ende doch Wirklichkeit werden. In mir drängt es: Solange weltoffene oder zumindest tolerante Einstellungen in der Mehrheit sind, muss man das sichtbar machen. Wir müssen zeigen: Wir sind mehr. Der problematische Teil des Satzes steht gleich am Anfang: Wir. Wer ist denn das, wer zählt sich dazu? Die Leute, die sich vor den Landgasthof gestellt haben, klar. Das ist ein Teil. Dann gehört dazu zum Beispiel mein Mitbewohner, der sagt, seine Demo-Zeiten sind vorbei. Außerdem hätte er für eine Demo keine Zeit gehabt; wer hätte sonst die Kinder ins Bett gebracht? Dazu gehören aber auch Leute, die sich damit gar nicht identifizieren können. Mit dem Protestieren und Lautsein. Menschen, die vielleicht nicht einmal das Bedürfnis haben, gegen etwas zu protestieren, aber trotzdem nichts mit den Inhalten der AfD oder der NPD anfangen können. Wie wäre es, die mitzunehmen? Eine Aktion, bei der es leicht ist, mal eben mitzumachen? Ich denke an etwas, das ich in einer Vorlesung über Umweltpsychologie gehört habe, die Fuß-in-die-Tür-Methode. Probanden und Probandinnen, die einen kleinen Aufkleber für mehr Rücksicht im Straßenverkehr irgendwo bei sich anbrachten, waren eher bereit, später ein großes Schild mit entsprechender Aussage auf ihrem Grundstück aufzustellen.

Warum also nicht „Passt schon!“-Aufkleber oder -Buttons für Toleranz verteilen? Oder warum nicht mal völlig unausgewogen die positiven Seiten von Einwanderung betonen? Zum Beispiel arabische Süßigkeiten! Wie wäre es mit einer hemmungslosen Einschleim-Aktion, in der Geflüchtete und Nachbarn und Nachbarinnen einer Gemeinschaftsunterkunft sich gegenseitig mit dem Besten der eigenen Küche verwöhnen? Oder mal FÜR die Einrichtung einer Gemeinschaftsunterkunft in der eigenen Nachbarschaft demonstrieren? Lasst uns kreativ werden! So vielfältig wie unsere Gesellschaft ist und sein soll, so vielfältig sind auch die Arten, wie man zum Ausdruck bringen kann, dass man diese Verschiedenartigkeit gut findet.

Wenn man genau hinsieht, geht es dabei um mehr als Protest, das gegen etwas sein, auch um mehr als etwas zu fordern, wie zum Beispiel ein menschenfreundliches Einwanderungsrecht. Je mehr ich nachdenke, desto mehr komme ich dazu, dass es neben Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit vor allem um Statements im Privaten ankommt. Zum Beispiel, indem man etwas sagt. Das stärkste Statement aber gibt man meiner Ansicht nach ab, indem man etwas tut. Es gibt viele Menschen, die Hilfe beim Deutschlernen brauchen. Jemanden, die ihnen den Brief auf Behördendeutsch erklärt. Jemanden, der einfach mal zuhört, zusammen einen Tee trinkt, auf Partys einlädt, Interessen teilt. Mitbewohner werden. Freunde werden. Nicht mit allen, sondern da, wo’s passt. Plötzlich werden aus „den Flüchtlingen“ Mariam, die genauso eine Streberin ist wie ich und Muhammad, der nicht so mein Fall ist, weil er total verplant und happy-go-lucky drauf ist und am liebsten auf Partys geht.

Es gibt verschiedene Wege, für eine vielfältige, tolerante Gesellschaft einzustehen. In neonrosanem Outfit laut vor der AfD-Versammlung trommeln, Reden halten, sich dazu stellen, Parolen rufen und beim WG-Abend über deren Hintergründe diskutieren, mit ein paar Leuten, die im Moment noch im Flüchtlingsheim wohnen, am Wochenende Fußball spielen oder zusammen Bundesliga gucken, Kochrezepte austauschen, Deutschunterricht geben, Texte schreiben. Eine Freundin von mir sagt gerne und häufig: Jeder wie er kann und mag. Das kommt fluffig daher, hat aber einen sehr wichtigen Kern.

Das ist dann also mein Schlusswort: Es ist dringend nötig, dass wir für die Gesellschaft, die wir haben wollen, etwas tun. Sucht euch das, was euch am meisten liegt, sucht euch Leute, mit denen ihr das am liebsten tut und legt los!

 

[1]  Ortsname anonymisiert

3 Kommentare

  1. Super Beitrag, danke Shijou! Liest sich sehr flüssig und ich mag deinen humorvollen, selbstironischen Stil. Ja, welche Art von Protest brauchen wir in Zeiten in denen Dagegensein scheinbar nur noch die Fronten verhärtet? Finde deine Übertragung der Fuß-in-die-Tür-Methode einen spannenden Gedanken! #Passtschon!

  2. Juhu! Erster Gastbeitrag. Sehr schön, Shijou! 🙂
    Ich kann mich sehr wiederfinden in deinem Text. Ich lese gerade „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke, das ich an dieser Stelle sehr empfehlen kann.
    Ich finde Hass auch ein sehr krasses Wort und wende das ungern auf Personen an. Der Punkt ist ja, dass man nicht die Person hasst, sondern eine bestimmte Handlung dieser Person scheiße findet (auch das wird von Emcke thematisiert). Zudem kommt dazu, dass man auf Hass wirklich nicht mit Hass reagieren sollte, wie ich finde. Das löst unser Problem nicht und verhärtet nur Fronten. Trotzdem frage ich mich derzeit immer wieder, wie tolerant muss ich gegenüber der Meinung anderer sein, gerade wenn diese „Meinung“ Menschenrechte in Frage stellt oder verletzt.

    1. Oh ja, das Buch steht auch auf meiner (ziemlich langen) Muss-ich-unbedingt-lesen-Liste. Ich freu mich schon drauf.
      Das Nichttolerieren von Gedanken anderer muss ja nicht gleich Hass bedeuten. Grenzen ziehen, notfalls die menschenverachtenden Menschen selbst ausgrenzen (was ja beispielsweise eine Haftstrafe wegen Volksverhetzung unter anderem ist, eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft), aber nicht unbedingt mit Hassgefühlen dabei. So seh ich das.

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