Gender Popkultur

Nicht deine Kneipe

Normalisierung männlichen Anspruchsdenkens (und allem, was daraus folgt) in der Popkultur

[CN: Gewalt gegen Frauen]

Ursprünglich wollte ich einen Text schreiben, der einfach nur das Album Grande der Berliner Indie-Band Von Wegen Lisbeth auf der Inhaltsebene amtlich in der Luft zerreißt. Jedes Detail wollte ich auseinandernehmen, wie in einer Deutschklausur. Der Grund, dass ich es nun anders mache, ist weniger, dass das niemanden interessiert, sondern, dass ich zu viel anderes Zeug aufgespürt habe, was gut zum Thema passt und es in einen größeren Kontext setzt. Man möge es mir nachsehen, wenn doch der Hauptteil darin besteht, ein paar tüchtige Berliner Jungs zu attackieren und ihren Fans den Spaß zu verderben.

Während ich das hier schreibe, hat das offizielle Musikvideo zu „Meine Kneipe“ bei Youtube weit über 700.000 Klicks. Es geht aber auch ins Ohr, ey. Würde ich mich mit Musik auskennen, würde ich vielleicht jetzt eine Hymne auf dieses melodische Feelgood-Tamtam schreiben, das ich gerne in der S-Bahn höre (Zu Analysezwecken!). Das Problem ist nur der Text. Zunächst werden eine Menge möglicher Reaktionen eines vermutlich weiblichen Gegenübers auf die Trennung vom lyrischen Ich aufgezählt: Sie schneidet sich vielleicht die Haare oder fängt Ballett an. Lyrisches-Ich-Typ erzählt passiv-aggressiv, dass es ihm egal sei, „mit wem sie chillt“ und erlaubt ihr milde, auf irgendwelchen Toiletten mit anderen Typen zu schlafen. „Mach mal dein Ding, mit Herz und Blut.“ Dass sie „ihr Ding macht“ in Form einer Reihe von ihm bunt imaginierter Szenarien, ist ihm ja, bis auf die Tatsache, dass er ein Lied drüber schreibt, ziemlich gleichgültig. Aber am Ende, BÄM, ist ihm dann eine Sache doch nicht egal: Sie soll ihm wenigstens seine Kneipe lassen und keine neuen Freund*innen mit dort hinbringen. Diese Wendung ist insofern sehr interessant, als sie die vorangehende Aufzählung in ein neues Licht rückt. Man kann das nun entweder so lesen: Deine Verarbeitung der Ereignisse geht mir am Arsch vorbei, aber lass mich in Ruhe saufen. Oder: Wenn ich dir all deine lächerlichen Selbstfindungsakte schon erlaube, tu mir bitte den einen Gefallen, und gib mir den Raum zurück, der dir nicht zusteht. An dieser Stelle kommt oft der Einwand, das sei eben Trennungsschmerz, Geschlecht egal. Wer weiblich sozialisiert ist, trauert und verletzt auch, ist gemein und ungerecht. Ist das so? Ist alles gleich? Und selbst wenn, kann das Artikulationen aus Geschlechterverhältnissen rausheben? Kann was Gesagtes einfach nur so rumwabbeln, unabhängig davon, wer es produziert? Was wäre, wenn ich als Person, die andere als Frau lesen, schmettern würde: „Aber bring nie wieder deine neuen Freunde in meine Kneipe!“ Huuu, was glaubst du eigentlich, wer du bist? Oder die Bridge des Songs „Lisa“ (Hat schonmal wer was über diese ganzen L-Frauen geschrieben?): „Nimm mich auseinander, nimm mich nicht ernst, das nimmst du mir nicht weg!“ Da sind diverse Gedankenspiele möglich, in denen wir in uns reinfühlen könnten, ob es wirklich völlig gleichgültig ist, ob ein fiktiver Elf, eine asiatische Politikerin oder eben ein junger, weißer Berlin-Typ etwas in die Welt schickt. Davon abgesehen ist die Zerstörungskraft, die Schmerz  generiert, hier vielleicht das, was am allermeisten problematisiert werden muss. Und ich wage diesbezüglich die These, dass von Männlichkeit geprägte illusorische Ansprüche auf Anerkennung/Liebe/Räume/die Welt ganz besonders viel Zerstörungskraft gebären, wenn sie nicht erfüllt oder enttäuscht werden.

Ein weiteres Beispiel für die Normalisierung männlicher Gewalt aus Verletzung heraus bietet die dritte Folge der Serie Black Mirror, in der ein offensichtliches Arschloch, das, wie das immer so ist, eben als ganz normaler Typ gehandelt wird, seine ihn betrügende Frau kontrolliert, ausspioniert, bedroht, einschüchtert und schubst („Sieh, was du mit mir gemacht hast!“), sie ihm die ganze Zeit flehentlich versichert, dass sie ihn liebt, ihn aber schließlich wegen des gewaltsamen Ausbruchs verlässt. Am Schluss wird dramatisch der Protagonist gezeigt, der nun allein in einer leeren Wohnung sitzt (kein schönes Interieur mehr!!!) und einsames Opfer der Verhältnisse sein soll. Ach, die Welt könnte doch aus der Tragik lernen, dass er wegen seiner eigenen Gewalttätigkeit allein zurückbleibt, aber irgendwie bleibt es immer bei der Tragik stehen. Die Erzählstruktur der Folge erinnert mich übrigens daran, dass im Bürgertum des 19. Jahrhunderts den Frauen die Schuld für die Gewalttätigkeit der Ehemänner gegeben wurde und zwar auf lustige Art und Weise: Hätte die Frau besseres Essen gekocht und eine lauschigere Atmosphäre gezaubert, wäre der brave Bürger nicht dem Alkoholismus verfallen, um sie dann im Suff zu verprügeln.

Hierzu ein bisschen Realität des 21. Jahrhunderts: Sarah und Pietro Lombardi. Ich weiß gar nicht, wie viel von dieser schon verdauten Debatte vom letzten Herbst ich hier wieder hochwürgen soll, um es verständlich zu machen. Dass die zwei ein DSDS-RTL-Reality-TV-Pärchen sind, ist allgemein bekannt, oder? Kann ich davon ausgehen, dass alle um deren medienwirksame Trennung wissen, und, dass Sarah fremdgegangen* ist? Dass Pietro sie dann geschubst hat, woraufhin sie die Polizei rief und er ihr dann unter Gebrauch von Beleidigungen vorwarf, nur dort anzurufen, um gut dazustehen? Jedenfalls entfachte das in „den sozialen Netzwerken“ ein Feuer von Empörung und Aggression. Wie anzunehmen, enthielt die Debatte viel Mitgefühl für den ausrastenden, gewalttätigen Mann und viel Hass gegen seine Ehefrau, selbstredend eine ehrlose Schlampe. T-Online unterlegte das Video, in dem er sie beleidigt und bedroht, mit einem ernstgemeinten, aber locker-flockigen Off-Kommentar, dass Sarah genau wisse, welche „Knöpfe sie bei ihm drücken“ müsse, um seine Emotionen hervorzulocken. Noch heute ist die Facebookseite dieser Frau durchtränkt mit Kommentaren des Hasses, während ihr Mann viel Wohlwollen erfährt und der wütende Mob nur in seiner Timeline auftaucht, um auch dort abwertende und beschämende Äußerungen gegen seine Ex abzuladen.

Aber kommen wir zurück zu den Lisbeth-Jungs. „Bitch, ich bin für dich den ganzen Weg gerannt, den ganzen Weg alleine […] Alleine bis zu dir“, wird da geträllert. Ich denke: Du bist gerannt, und jetzt? Was für Bedeutungen an dem Wort „Bitch“ hängen, ist egal, denn es scheint Konsens zu sein, dass aus einer vergeblichen männlichen Anstrengung ganz unmittelbar ein weibliches Bitch-Sein resultieren kann. Das bedarf keiner weiteren Erklärung. Das Album böte noch viele Vorlagen für weitere Analysen, aber ich möchte jetzt ganz viel weglassen und einfach nur abschließend einen Appell an den Songwriter richten, der sich auf den beliebten Hit „Sushi“ bezieht: Wenn du Linas Sushi nicht sehen willst, weiß ich eine einfache Möglichkeit, das zu vermeiden. Schau dir ihr verdammtes Sushi nicht an! Das ist vielleicht enttäuschend, aber das Internet ist nicht vollständig auf deine ganz persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben zugeschnitten. Ich fasse es nicht, dass Männer Geld mit Liedern darüber verdienen, dass Sachen, die beliebige Frauen posten, langweilig sind. Ich frage nochmal: Ist es wirklich egal, dass hier ein Typ über ne Frau singt?

Je mehr wir alle jetzt denken, dass ich übertreibe, desto mehr ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sich bestimmte Verhältnisse als Normalität eingebrannt haben. Was normal ist, kann nicht mehr kritisiert werden. Auf ein „Aber…“ folgt sofort ein Gegen-Aber: „Aber das ist doch ganz normal“. Deshalb hat es Relevanz, wie z.B. in der Popkultur Normalität hergestellt wird und wie diese Normalität aussieht.

*Das ist mir eigentlich zu viel „Betrügen“ und „Fremdgehen“ hier. Ich mag die Begriffe nicht so gerne, weil sie so aufgeladen sind und ihr selbstverständlicher Gebrauch dazu beiträgt, monogame Paarbeziehungen weiterhin als einzige Möglichkeit zu denken. Absprachen zu brechen ist scheiße, aber es kann auch Absprachen geben, in denen diese Wörter keine Rolle spielen.

 

3 Kommentare

  1. Ich versuche das ein bisschen besser zu verstehen: Ein Einwand wäre, dass das lyrische Ich in „Meine Kneipe“ nicht den über allem schwebenden *Anspruch* an die Ex hat, dass sie nicht mehr in seine Kneipe kommen darf, sondern dass der Mann (zugegeben in Form einer Drohung) seinen Wunsch äußert, die Frau nicht in seinem persönlichen Rückzugsort begegnen zu müssen. Diesen Wunsch finde ich an sich legitim und zwar egal welches Geschlecht, der_die Person hat. D.h. bei einer Trennung finde ich es durchaus vertretbar, sich von dem_der Partner_in zu wünschen, gewisse Orte zu meiden.
    Was meinst du dazu?

  2. Danke für deine schnelle Antwort, hihi.
    Ich finde den Wunsch auch vollkommen okay, einer Person nicht begegnen zu wollen. Allerdings denke ich, dass hier die Betonung auf dem Wort Wunsch liegt. Den Wunsch kann ich dann in eine Bitte packen und Bitten bedeutet, ein potenzielles Nein akzeptieren zu können. Wenn die andere Person verneint und trotzdem in die Kneipe kommen will, die mir sehr am Herzen liegt (was sie ja auch noch nicht zu „meiner“ macht), dann ist das scheiße für mich, aber v.a. wenn ich z.B. eine Wohnung habe, wo ich ohne Ex hingehen kann, wahrscheinlich zu verkraften.
    Was ich aber eigentlich noch wichtiger finde ist, dass ich versucht habe, das Lied und die Band aus einer anderen Perspektive zu betrachten (Kneipe für sich behalten wollen? Versteh ich. Nach Trennung scheiße fühlen? Geschenkt.), es also nicht um das Was, sondern das Wie und das Wer geht. Also in diesem Beispiel: Überprivilegierter Typ transformiert seinen Wunsch in einen Territorialanspruch gegenüber ner Frau, den er offen raushaut in einem Song, mit dem er dann z.B. Geld macht. Das gilt als normal. Vielleicht auch, weil wir so blind für die Relevanz von Positionierungen sind?

  3. Hi Phie, ich find deinen Artikel toll und sehr gut beobachtet. Natürlich kann man auf einer individuellen Ebene Verständnis haben, wenn jemand in ihrem/seinem Schmerz „über die Stränge schlägt“. Doch du schreibst über die strukturelle Ebene. Es ist eine Sache, wenn ein Freund, der gerade verlassen wurde, sich privat über seine Ex auskotzt (und hoffentlich bald wieder „zur Vernunft kommt“), eine andere, wenn jemand einen Song darüber schreibt, der veröffentlicht werden soll und den sich vermutlich Tausende bis Millionen Menschen anhören.
    Gerade die Menge deiner Beispiele (und ich könnte etliche hinzufügen) zeigt, dass es ein allgemeines Phänomen ist; und ich gebe dir recht, dass viele Männer (natürlich nicht pauschal und alle) ihnen real oder vermeintlich zugefügte Verletzungen in Aggressivität nach außen umsetzen. Frauen sollen das angeblich mehr nach innen richten (was die Sache nicht besser macht, und natürlich auch nicht pauschal und alle). Schlimm ist, das gerade männliche Gewalt gegenüber Frauen oft damit gerechtfertigt wird, das sie doch irgendwie selbst Schuld sind (der kurze Rock bei einer Vergewaltigung). Noch schlimmer aber ist es, dass – wie du absolut richtig beobachtest – es einfach als normal gilt. Wem fällt es schon auf, dass der Song umgekehrt eben nicht funktionieren würde? So viel auch dazu, dass es eben nicht egal ist, wer was sagt. (Kennt jemand das alte Buch „Die Töchter Egalias“? Lustiger Geschlechterrollentausch, der viele Selbstverständlichkeiten im Kopf knackt).
    Eine kritische Anmerkung, auch wenn ich mit dir d’accord bin: Dein letzter Absatz erscheint mir etwas als Totschlag-Argument, nach dem Motto: Und wenn ihr nicht meiner Meinung seid, beweist das nur noch mehr, dass ich Recht habe. Einer gegnerischen Meinung würde ich das nicht durchgehen lassen, die würd ich formal zerreißen. Deshalb sollte man sowas lieber lassen.

    Danke für deinen kritischen Geist und deine scharfe Beobachtung, ich bin gespannt, was noch von dir kommt.

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