Kapitalismus Persönliches

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Von der Suche nach einer Wohngemeinschaft

Es scheint, ich bin mal wieder betroffen genug, um zu schreiben. Hurra! Und zwar möchte ich dieses Mal erzählen von meinen zwangsläufig auch kulturwissenschaftlichen Beobachtungen auf der Suche nach einem WG-Zimmer: Einem WG-Zimmer in einer deutschen Großstadt, wo niemand es lustig findet, wenn 450 Euro für einen 8qm-Durchgangszimmer verlangt werden. Das ist allenfalls ärgerlich. Harry Potters Verließ unter der Treppe wäre innerhalb einer Stunde für zwei Grüne vermietet. Außer das Internet geht da nicht. Aber darum geht es eigentlich nicht.

Es ist schlimm genug, dass ich schriftliche Bewerbungen an fremde Leute schicke, um hoffentlich bald mit ihnen zu streiten (bzw. passiv-aggressiv zu sein und es irgendwann wieder zu vergessen), wer das Bad putzen muss, Gin Tonic zu trinken und dann durch die eigene Gegend zu torkeln und irgendwo Stammgäste zu werden mit dem schillernden Ziel, eines Tages sagen zu können: „Einmal das Übliche.“ Denn das macht man doch in WGs, oder? Man hält sich irgendwie aus und hat nach ein paar Jahren viel gemeinsames Leben hinter sich, um sich rum, in sich drin, in dem man einander genauer kennengelernt hat, als man es wollte.

Andere Leute sehen das anders als ich und haben als Erstes mal eine Person eingestellt, die für sie die Wohnung putzt. Daran ist das Unbehaglichste, dass sie es in der WG-Anzeige fröhlich mit ihrer Unfähigkeit bewerben, Konflikte auszutragen oder auch nur unterschiedliche Bedürfnisse zu berücksichtigen und Kompromisse auszuhandeln.  „Einmal in der Woche kommt eine Putzfrau. Das ist einfach entspannter und es gibt keinen Stress. :)“ Wer bezahlt neben 450 Euro Miete nicht noch gern ein paar Taler, um einmal in der Woche die Reproduktionsarbeit auszulagern und seine sozialen Fähigkeiten weiterhin links liegen zu lassen? Übers Putzen zu reden ist halt einfach zu anstrengend, wenn man nebenbei seinen Businessplan ausarbeiten und ein paar in der eigenen Altersgruppe angesagte Sachen machen muss, die man in der eigenen WG-Bewerbung dann wieder als Referenz anführen kann.

Besonders wichtig ist es hier, eine aussagekräftige Social-Media-Seite zu pflegen, zu der man im Fall des Falles den potenziellen Wohnungsgeber*innen den Link schicken kann. Bei jedem belegten Brötchen vom U-Bahn-Kiosk gilt es zu fragen, ob es als Motiv für die Instagram-Seite taugt, um später mit Schnappschüssen von Fernreisen und dezent eingestreuten Selfies ein überzeugendes Portfolio abzugeben. Was genau glauben wir daraus über einen Menschen zu erfahren? Geht es nur darum, ob sein Leben im Sinne der gesellschaftlichen Gruppe, der wir angehören, cool genug ist? Damit der*die Mitbewohner*in später bloß einfach nur bitte bitte cool genug ist und auf den eigenen Insta-Bildern kein Schandfleck? (Und wenn keine Putzkraft verfügbar ist, dann bitte auch sauber. Manchmal auch sehr sauber. Sauberkeit ist wirklich unerlässlich. Wenn nicht sauber, dann Hölle, weil dann Differenzen und dann nicht alles smoothie-flüssig und seidig, mimimi.)

Auch erklären viele Leute schon im Voraus, die eine Person, die sie aus 200 Bewerber*innen in einem erbarmungslosen Battle auserkoren haben, dann aber erstmal nur für drei Monate aufnehmen zu wollen. Verständlich. Wer weiß schon, ob jemand, der sich erfolgreich präsentiert hat, am Ende auch Leistung bringt. Man kann sich vorstellen, wie in diesen drei Monaten abstruse Disziplinen erschaffen werden. Spannen Sie Ihre Lachmuskeln – Jetzt wird eine tolle Zeit verbracht! Neben täglichem Abwasch, Müllbeutel tragen und dem Aufhängen vergessener Buntwäsche anderer Leute erwartet Sie ein individueller Mix aus sozialen Herausforderungen. Wer kann nachts lautlos über den Flur tapern, auch nach acht Bier (natürlich gilt 0,5 als Normalgröße ;)) noch hinreißende Konversation machen und stellt beim gemeinsamen Kochen mit Engagement, Witz und Charme unter Beweis, dass er*sie die perfekte Wahl ist? Und mit perfekt meine ich perfekt. Nicht gut oder nett oder eben ein okayer Mensch mit dem berühmten Päckchen, das jede*r zu tragen hat. PERFEKT, OK??!!!!11!

Nachdem die Bewerbung das Privatleben der wirtschaftlichen Sphäre angeglichen hat, gibt es nun also auch eine Probezeit. Das ist nur logisch. Trotzdem ist es nicht schön. Wer laut Techno hört, nervt nicht mehr nur und macht es erforderlich, hasserfüllt gegen die Zimmertür zu treten, sondern wird halt gekündigt. Zack, weg. Gewiss bin ich der Ansicht, dass man bei der Suche nach einem Zuhause bestimmte Filter anlegen darf (die es ja im Internet soweit wie möglich visualisiert gibt), wenn man sich etwa an einem Ort des Rückzugs z.B. nicht mit jemandem auseinandersetzen will, der jeden Tag viele Menschen empfängt oder dessen politische Meinung fundamental von der eigenen abweicht. Zugleich glaube ich, dass die zunehmende Feinheit der Filter der grundlegenden und überlebensnotwendigen Fähigkeit, mit anderen zu leben, entgegenwirkt. Menschen werden zu Produkten, die sorgfältig ausgewählt werden müssen, um sich dann zu bewähren sowie die eigene Identität aufzuwerten. Schließlich, wenn irgendwas nicht richtig flutscht oder zu langweilig wird, werden sie wie alle anderen Produkte eben weggeworfen, obwohl man vermutlich noch vieles reparieren könnte. Aber man kennt das: Wir sind nicht mehr so gut im Reparieren.

Zugleich sind wir, bin ich Vertreterin der Ware „Ich als Mitbewohnerin“, die ich mit ambivalenten Gefühlen anpreisen und in Schuss halten muss. Wenn es mir nicht so gut geht oder ich keinen Bock habe, meine Haare zu waschen, spüre ich viel zu deutlich, wie das den Warenwert senkt. Denn ich bin fundamental davon abhängig, zu verkaufen. Und ich ende mit einem Satz, der schon lange in meinem Kopf geistert und den ich schon immer mal benutzen wollte: Wo sind die Zeiten hin, in denen „sich verkaufen“ noch was Schlechtes war?

Ein Kommentar

  1. habe schon seit einer Woche meinen Verkaufswert durch mein keine-Haare-waschen-Experiment gemindert. Online-Präsenz hab ich auch keine. Aaahh! Jetzt blos nicht wohnungslos werden.Vielleicht solltest du dich mal mit diesem Blogartikel bewerben. Aber das wär ein ziemlich Widerspruch in sich. Viel Erfolg bei der Suche!

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