Nachhaltigkeit Persönliches Philosophie

Von Menschenliebe und Taschenrechnern

Das Konzept des Effektiven Altruismus

Der Bachelor ist geschafft, für den Master nehme ich mir noch etwas Zeit. Zeit, um mich im Selbststudium Themen zu stellen, die in meiner bisherigen Bildung zu kurz gekommen sind. Das sind Themen, die gesellschaftliche Brisanz besitzen, aber auch grundliegende philosophische oder geisteswissenschaftliche Theorien.

Zufällig verbindet eines der ersten Themen meiner Wahl beides. Der Effektive Altruismus ist eine Philosophie der Moral und gleichzeitig eine starke und aktive soziale Bewegung unserer Gegenwart. Und er stellt meinen gesamten Ansatz des Selbststudiums auf den Kopf – aber von Anfang an…


1972 schrieb der australische Philosoph Peter Singer das Essay „Famine, Affluence, and Morality“. Singers Denkweise spiegelt sich in einer der bekanntesten Parabeln der modernen Ethik wider:

Du läufst an einem See vorbei und siehst, dass dort ein Kind mit dem Ertrinken ringt. Du schaust dich um, doch es ist keine Hilfe in Sicht. Die Rettung des Kindes würde deine teuren Schuhe zerstören und du kämst zu spät zur Arbeit. Was würdest du tun?

Singer argumentiert, dass wir moralisch dazu verpflichtet sind, in solchen Situationen zu helfen. Er formuliert:

„If it is within our power to prevent something bad from happening, without thereby sacrificing anything of comparable moral importance, we ought, morally, to do it.“

Darin enthalten ist die Aussage, dass es egal ist, ob sich das Leid vor unseren Augen abspielt oder auf einem anderen Kontinent. Solange wir ihr helfen können, sollten wir es tun.

Singers Gedanken inspirierten viele Menschen und er wurde zum intellektuellen Vorbild für die folgenden Generationen. Obwohl die Tradition der Moralphilosophie bis zu den Anfängen des philosophischen Denkens zurückgeht, schafften es Singer und Kolleg_innen damit, eine größere öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frage zu lenken, ob wir moralisch dazu verpflichtet sind, fühlende Lebewesen vor Leid zu bewahren.

Aus diesen Überlegungen entwickelte sich der Effektive Altruismus (EA). Er bejaht die moralische Verpflichtung altruistisch zu handeln, stellt aber fest, dass wir nicht die Mittel haben, allen Lebewesen zu helfen. Effektive Altruist_innen folgern daraus, dass wir unsere limitierten Ressourcen daher möglichst effektiv einsetzen sollten, um möglichst vielen Lebewesen möglichst sinnvoll zu helfen. Dabei macht der Ansatz keinen Unterschied zwischen dem Leben von Menschen in unserem direkten Umfeld oder auf der anderen Seite des Erdballs. (Inwiefern das Leben von Tieren dabei berücksichtigt werden muss, ist ein weiteres Thema in der Debatte, gehört aber in einen anderen Blog-Eintrag.)

In der Praxis versuchen Effektive Altruist_innen die Wirkung einzelner Versuche, Gutes zu tun, wissenschaftlich-empirisch miteinander zu vergleichen. Dadurch kommen sie zu dem Schluss, dass mit dem gleichen Geldbetrag, viel mehr Menschen im globalen Süden geholfen werden kann, als im globalen Norden. Ein bekanntes Gedankenexperiment veranschaulicht diese Haltung (Quelle: TED – Peter Singer, Min. 11:30):

Du hast die Wahl einem_r blinden Landsmann_frau einen Blindeshund zu finanzieren oder 1.000 Menschen in einem Land des globalen Südens vor einer Infektion zu schützen, die zur Erblindung führt. Wofür würdest du dich entscheiden?

Da für EAs jeder Mensch das gleiche Recht auf Gesundheit hat, ist für sie klar, was zu tun ist. Doch der Ansatz des Effektiven Altruismus geht noch einen Schritt weiter. Nicht nur versucht er, innerhalb eines Problems (z.B. Erblindung) Lösungsansätze miteinander zu vergleichen, sondern er vergleicht globale Probleme untereinander und hat das Ziel festzustellen, welche Missstände weltweit aktuell und in Zukunft die meisten Lebewesen leiden lassen. So empfiehlt die von Peter Singer initiierte Webseite GiveWell die Bereiche allgemeine globale Gesundheit und Ernährung bei Zeit- und Geldspenden zu priorisieren und beispielsweise die Opfer von Naturkatastrophen weniger zu unterstützen, da diese vergleichsweise überfinanziert sind. (Quelle: GiveWell)

Die Affäre „Charity Navigator gegen den Rest“

Es gibt Stimmen, die dem Effektivem Altruismus kritisch gegenüberstehen. 2013 veröffentlichten Ken Berger und Robert M. Penna den Artikel „The Elitist Philantropy of So-Called Effective Altruism“. Ken Berger war CEO der Organisation Charity Navigator, die die Effektivität von Spendenorganisationen bewertet, beispielsweise in Messungen, welcher Teil der Spende wirklich bei den Bedürftigen ankommt und welcher Teil vom Überbau der Organisation selbst vertilgt wird. Im Unterschied zu GiveWell, spricht sich Charity Navigator jedoch nicht dafür aus, bestimmte Spendenzwecke anderen vorzuziehen. Solange die Spendenorganisation den Großteil des Geldes dort einsetzt, wofür sie wirbt, spricht sich Charity Navigator für diese aus.

In dem besagten Artikel werfen die Autoren dem Effektiven Altruismus und GiveWell vor, kaltherzig Spendenorganisationen gegeneinander abzuwägen. Das sei moralisierend und prätentiös. Jede_r informierte Spender_in solle selbst entscheiden, wohin ihr Geld gehe und dabei Kopf und Herz einschalten. Anstelle von effective altruism sprechen sie von defective (zu Deutsch: kaputter) altruism.

Der Artikel wurde vielfach für seinen Tonfall kritisiert. Berger und Penna wurde zudem vorgeworfen, die Idee des Effektiven Altruismus völlig verdreht und inkorrekt dargestellt zu haben. Nichtsdestotrotz und obwohl es sein mag, dass es sich bei der Affäre um den Machtkampf zweier renommierter Evaluatoren von Spendenorganisationen handelt, möchte ich die vorgebrachten Argumente des Artikels sowie den Sturm der darauffolgenden Kommentare als Anlass nehmen, einige wesentliche Stärken und Schwächen des Effektiven Altruismus zu beleuchten.

Kaltherzige Rationalität oder notwendige Distanzierung?

Berger und Penna sind der Auffassung, dass die emotionale Nähe zu bestimmten Spendenzielen nicht verteufelt werden sollte, auch wenn sie dazu führen kann, dass an eine Organisation gespendet wird, die nach EA-Berechnungen weniger effektiv ist, als beispielsweise die kostenlose Verteilung von Malaria-Netzen in afrikanischen Ländern (dies ist die amtierende Nr. 1 der Spendenzwecke auf GiveWell).

Der Philosoph Bernhard Williams schreibt in seiner berühmten „Kritik des Utilitarismus“ (Der Effektive Altruismus baut in großen Teilen auf dem Utilitarismus auf), dass ein solch abstraktes und berechnendes Denken, das Individuum von seinem eigenen Wesen entfremdet würde. Der Utilitarismus (und hier auch der Effektive Altruismus) mache den Menschen

„zu einer Maschine, […] die die in sie eingefütterten Pläne aller inklusive seiner eigenen zu einer optimierten Entscheidung verarbeitet und ausspuckt.“ (S. 81)

Diese Vorstellung versteht Williams als Angriff auf die Integrität des einzelnen.

Veranschaulichen wir die Problematik wieder in einem Gedankenexperiment:

Eine dir nahestehende Person ist an einer seltenen Krankheit gestorben. Du könntest die medizinische Forschung zu dieser Krankheit oder die Erforschung einer weitaus häufigeren Krankheit unterstützen, an der mehr Menschen sterben. Was würdest du tun?

Sollten Spender_innen ihre emotionale Nähe zu einem bestimmten Thema ignorieren, wenn sie wissen oder vermuten können, dass eine Spende für einen anderen Bereich, zu dem sie keinen persönlichen Bezug haben, effektiver wäre?

Besonders schwierig wird die Fragen, wenn angenommen werden muss, dass die Spender_innen erst durch die emotionale Nähe zu einem Thema, auf die Idee des Spendens gekommen sind. Realistisches Beispiel sind hierbei Naturkatastrophe, die in kurzer Zeit schnell viele Spenden generieren. GiveWell spricht sich beim Tsunami in Japan 2011 dafür aus, nicht für dieses spezielle Ereignis zu spenden, da hier die Gefahr der Überfinanzierung droht. Man solle lieber bei Langzeitspenden von effektiven Organisationen beginnen bzw. fortfahren.  Verunsichert dies die „Aus-dem-Bauch-heraus-Spender_innen“ so sehr, dass sie beim nächsten Mal gar nicht mehr spenden? Dies wäre natürlich der schlechteste Fall. Oder denken sie weiter und sagen sich, wenn sie für die Tsunami-Opfer Geld gegeben hätten, könnten sie das Geld auch für etwas noch Effektiveres spenden?

Sehr aussagekräftig finde ich die Kommentare, die auf Bergers und Pennas Artikel folgten. Hier lasse ich eine Auswahl für sich selbst sprechen:

„I actually like the ideal of Effective Altruism – in theory. I just don’t think it’s realistic.  People just don’t think and act this way.  People want to give to the things they feel passionate about. What is more realistic is allowing donors to feel good about giving to the things they feel strongly about but also assessing whether or not the organization they give to has any chance of generating social value. To assess this capability, you need to determine if the organization is high performing. […] So, in my opinion, philanthropists should give to things they care about – but only give to organizations that have high-performing characteristics.” (User Jeff Mason)
„Several people have brought up the fact that donors give from their hearts for causes they care about. This is true of effective altruists as well, it’s just that the „cause” they care about is achieving the most good they can with their donations. Effective altruists seek to answer the question „how can I do the most good with the money I have available to donate?” They want to have the greatest possible impact—that is their cause, and it comes from the heart and inspires just as much passion as someone who donates for any other cause.” (User brad)
„It’s one thing to say all life has equal value. (Which, let’s not even get into whether that should be all „human” life, I know enough about Singer to not want to chase down that particular rabbit hole, haha.) It’s another to say that as a result, you should actively IGNORE ties of familiarity and place in making giving decisions. It’s yet another to say that if you do NOT do so, your approach to giving is morally inferior.” (User Chris Cardona)
„[…] the problems of disaster victims and Westerners are either overfunded, are much more costly to counteract with, and/or are less serious [than in the „developing world”].” (User Jay Quigley)
„It may help more people to give to a third world country (may being the operative word considering not all charities are effective) but people are still going to give to causes they care about. As long as people do that, there will be change. It may be slower but the average donor is going to give not to what people say is the „right” place to give but to something close to their hearts.“ (User Anon)
„There is a huge cultural bias toward giving to local and/or emotional causes (I see this in friends and family), or to not give at all because „it would be a drop in the ocean.” The EA movement, I am hoping, can help counter these biases, but I don’t believe we are in any danger of EA forcing people to give a certain way or taking over the charity field. I am going to give more money to the most effective causes, but still support certain artistic and political causes I feel strongly about. It does not have to be an „either-or” game. But I am going to focus more on effectiveness, and less on emotion. I hope CN will add more guidance about effectiveness, while still covering most charitable organizations.” (User Charles G)

Beitragsbild: CC BY-SA 2.0 / Geoff Galice

7 Kommentare

  1. Hey, hallo. Danke für Euren neuen Blog!
    Zum Thema: es wäre schon, wenn man alles richtig machen könnte, aber der Effektive Altruismus klingt mir zu dogmatisch. Wer kann entscheiden, welche Dinge für „Menschen an sich“ gut sind – und welche nicht? Ich glaube, die Empathie in der direkten sozialen Umgebung ist auch die Keimzelle für einen sich erweiternden Altruismus, wenn er menschlich bleiben will.

    Ein Song aus dem Musical „Hair“, auch aus den 1970ern (unten der songtext):
    https://youtu.be/aCs1rkAXZ9o

    Easy To Be Hard Songtext

    How can people be so heartless
    How can people be so cruel
    Easy to be hard
    Easy to be cold

    How can people have no feelings
    How can they ignore their friends
    Easy to be proud
    Easy to say no

    And especially people
    Who care about strangers
    Who care about evil
    And social injustice
    Do you only
    Care about the bleeding crowd?
    How about a needing friend?
    I need a friend

    How can people be so heartless
    You know I’m hung up on you
    Easy to give in
    Easy to help out

    And especially people
    Who care about strangers
    Who say they care about social injustice
    Do you only
    Care about the bleeding crowd
    How about a needing friend?
    I need a friend

    How can people have no feelings
    How can they ignore their friends
    Easy to be hard
    Easy to be cold
    Easy to be proud
    Easy to say no

  2. Hallo Leute, ich würd ja jetzt gerne eine schmissige Diskussion lostreten, aber meine Meinung zu EA geht in eine ähnliche Richtung: Mir ist diese Haltung zu berechnend. Vielleicht ist es für Regierungen oder Institutionen, die über größere Etats verfügen, gut, sich Gedanken zu machen, wie ihre Mittel effektiv eingesetzt werden können. Als einzelner Mensch möchte ich mir meine spontane Empathie nicht nehmen lassen. Auch dass man nicht alle Umstände wissen oder einbeziehen kann. Beispiel: Ich spende Geld für eine Malaria-Schutzimpfung und erhalte damit etlichen Leuten ihr Leben oder zumindest ihre Gesundheit. Oder von dem Geld wird ein Kind, dass lebensbedrohlich verletzt ist, operiert. Dieses Kind könnte später Wissenschaftler/in werden und ein Medikament oder sonstwas entwickeln, was Tausenden von Leuten hilft. Wie will man das „berechnen“?
    Noch zwei Gedankenschnipsel: Ist der EA vielleicht Ausdruck eines wirtschaftsliberalen Zeitgeistes, in dem alles effektiviert werden muss? Und wäre es nicht langfristig effektiver, auf der politischen Ebene zu agieren (z.B. gerechte Löhne, fairer Handel, Bildung für alle, etc.), um Missständen zu begegnen oder vorzubeugen?

  3. Meine Gedanken gehen in eine ähnliche Richtung wie die in den anderen Kommentaren.
    Es klingt, als ginge Singer von einer sehr vereinfachten Welt aus, indem er Machtstrukturen ebenso wenig in den Blick nimmt wie Individualität. Angenommen es stimmt, dass es darum geht, das Leid aller Lebewesen zu minimieren. Kann ich wissen, was das Leid einer Person lindert, ehe ich nicht genau dieser Person zugehört habe? Gesundheit scheint ein wichtiger Faktor zu sein, aber kann es nicht z.B. auch sein, dass es mir viel wichtiger ist, zu partizipieren, Freund*innen zu finden, mit Wasserfarben auf eine riesige Leinwand einzudreschen? Außerdem denke ich, dass auch ich als angesprochene Altruist*in nicht hinter meinen Wohltaten verschwinden kann. Was, wenn ich die Person bin, die gerade mehr braucht als geben kann? Was, wenn ich unter Strukturen leide? Und was, wenn ich von Strukturen profitiere? Ich als Letztere kann einen Haufen Geld an Menschen im globalen Süden schicken, damit sie eine Infektion nicht bekommen, aber das ändert in meinen Augen langfristig nichts, solange in einem ewigen Kreislauf koloniale, rassistische, sexistische (usw.) Strukturen immer wieder reproduziert werden.

  4. Sehr schön geschriebener Text! Bin beeindruckt!

    Ein paar Gedanken kamen mir:
    1. Wenn es um das Verhältnis von Nutzen zu Euros geht, geht es dann nicht streng genommen um Effizienz? Um die Effektivität zu erhalten, muss ich dann noch die insgesamt gespendete Summe berücksichtigen, also: Nutzen / Euro * Euros = Nutzen.

    2. Ein Gedanke noch zu den EA-Kritikern: Der Anteil einer Spende, der in Organisationsstrukturen geht, muss nicht zwangsläufig rausgeschmissener Geld sein. Manche Probleme sind vielleicht nur mit großem organisatorischen Aufwand (z. B. internationale Kooperationen) zu lösen. Das ist natürlich keine Verteidigung für die Verschwendung oder gar Zweckentfremdung von Spendengeldern! Grundsätzlich stimme ich dem Einwand auch zu, dass man bei der Berechnung der Effizienz auch die „Reibungsverluste“ auf dem Weg zur Wirkung mit einbeziehen muss.

    3. Wie misst man Nutzen? Wie vergleicht man einen verhinderten Malaria-Fall mit einem erfolgreichen Schulabschluss? Das Problem hierbei ist nicht nur die Frage, wie lang die Kette an Folgen sein muss, die man betrachtet, sondern auch, wie man sehr verschiedenartige Folgen überhaupt in die gemeinsame Währung Nutzen umrechnet. Bei einem Ansatz, der versucht, die Entscheidung zu objektivieren, scheint erstaunlich wenig Probleme damit zu haben, dass Wohlbefinden, Leid, Nutzen subjektive Empfindungen sind, die sich schwer auf einer Skala messen lassen. Daher halte ich diesen Ansatz für begrenzt in seiner konkreten Anwendbarkeit.

    4. Kein Kritikpunkt, eher eine Klarstellung: Der Effektive Altruismus geht anscheinend davon aus, dass die Nutzenfunktion (x-Achse: Euros (?); y-Achse: Wohlbefinden oder sowas) am Anfang am steilsten ist, d. h. dass Menschen, denen es am schlechtesten geht, am leichtesten glücklicher zu machen sind. Umgekehrt: Der größte Nutzen (Unterschied im Wohlbefinden) ist dort zu finden, wo es Menschen (absolut) am schlechtesten geht. Man sollte bedenken, dass das sehr wahrscheinlich ist, aber nicht zwangsläufig der Fall ist.

    Vielen Dank für den Text!

  5. Oh ich lese in euerem Blog und bin immer noch so aufgeregt! Das ist einfach soooo cool! hihi ^^ Ich feier’s richtig. 😀
    okay, jetzt mal Konfetti zur Seite legen und zum Text. Stimme in den Tenor mit ein. Der EA ist gar nicht mal so dumm, aber eben ein bisschen zu kategorisch. Was ist denn dann mit der blinden Frau? Die kriegt ja dann nie ihren Hund oder eben erst, wenn alle Leute auf der Welt vor der Infektion geschützt sind. Find ich bisschen fies. Nur weil es anderen noch schlechter geht, heißt das ja nicht, dass man dem/der Obdachlosen keinen Euro in den Becher werfen darf. Natürlich ist es gut, dass damit die Effizienz von Spendenorganisationen mal unter die Lupe genommen wird, aber als Richtlinie für mein persönliches Verhalten als „Wohltäterin“ ist das eher ungeeignet.

  6. Ich bin heute per Zufall auf eine App gestoßen, die verblüffend einfach die Welt verbessern soll. Da musste ich an den Effektiven Altruismus denken.
    Das ist der Fall: Mit zwei Klicks in der App „Share the Meal“ spendet man 40 Cent, mit denen ein hungerndes Kind für einen Tag mit Essen versorgt werden kann. Das Projekt ist angegliedert an das UN World Food Programme; die ohnehin geringen Verwaltungskosten werden laut Webseite „durch einen Innovationsfonds des WFP und von privaten Unterstützern und Unternehmen getragen“ (https://sharethemeal.org/de/faq.html). 90 % der Spenden gehen wirklich direkt in die Hilfe, so das Versprechen. Klingt so, als könnte man hier sehr effizient helfen, sowohl kosten- als auch zeiteffizient. Ist das zu einfach? Da kommt natürlich zuerst die Frage, ob das eine Dauerlösung sein kann, Menschen mit fremder Hilfe zu ernähren. Auf der Startseite verspricht die Initiative: „Wir wollen Menschen und Gemeinschaften dazu befähigen, sich zukünftig selbst zu ernähren.“ Das wird aber nicht näher erläutert. Tatsächlich scheint sich die Initiative auf das Verteilen von Essen, Gutscheinen oder Bargeld zu beschränken. (Nebenbei bemerkt wird auch das Versprechen von Transparenz meiner Ansicht nach nicht eingehalten. Zumindest nicht mit dem Inhalt der Homepage.)
    In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung wird dann jemand zitiert, der genau den Aspekt der Effizienz mit reinbringt: „Wenn man vierzig Cent spendet, um ein Kind zu ernähren, dann seien die vierzig Cent vierzig Cent wert. Wenn man vierzig Cent einsetze, um nach einem Mittel zu forschen, mit dessen Hilfe nicht mehr die Hälfte der Ernte vertrocknet oder von Schädlingen zerstört wird, dann seien vierzig Cent zwölf Euro wert“. Das sagte Björn Lomborg, ein anscheinend dänischer Politikwissenschaftler, der dir, Elisa, vielleicht bei deinen Recherchen über den Weg gelaufen ist.
    Interessantes Schlussplädoyer am Ende: Die App ist nicht der Weisheit letzter Schluss, könnte vorhandene Strukturen eher noch erhalten – aber es ist ein Versuch und man sollte nicht zu viel an Versuchen, die Welt zu verbessern rummäkeln, weil dann keiner mehr Lust drauf hat, es zu versuchen.
    Ich spendieren hier mal den letzten Absatz des Artikels:
    „Aber etwas ist noch anmaßender als zu meinen, man wäre ein guter Mensch, weil man vierzig Cent gespendet hat: Zu meinen, irgendjemand wäre es nicht, weil er vierzig Cent gespendet hat. Barack Obama sagte beim Weltklimakipfel in Paris wieder, was er für den größten Feind der globalen Probleme hält: den Zynismus; die Haltung, sowieso nichts ändern zu können. Und da ist es vielleicht doch ein Beitrag zur Verbesserung der Welt, wenn man den Leuten das gute Gefühl zurückgibt. Ihnen die Angst nimmt, etwas falsch machen zu können, wenn sie Gutes tun. Und nicht zulässt, dass am Ende das Helfen theoretisch so verpönt ist, dass es praktisch niemand mehr übernehmen will.“
    (Der ganze, sehr lesenswerte Artikel ist verfügbar unter http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43996/Ein-Herzchen-fuer-Afrika)
    Der Ansatz ist übrigens bei erster Hilfe der gleiche: Sie zu unterlassen ist strafbar. Es zu versuchen, auch wenn man dabei etwas falsch macht, ist es nicht.

    1. Danke für den Input Shijou. 🙂

      1. Zur Frage, ob es moralisch gerechtfertigt ist, solch eine simple und spielerische App zu entwickeln/zu nutzen:
      Zu erst mal finde ich es sinnvoll und sogar notwendig, die Menschen von da abzuholen, wo sie sind: vor’m Smartphone. Kein Wunder, dass die Spender*innen von ShareTheMeal hauptsächlich Menschen unter 40 sind. Eigentlich eine nahe liegende Idee, so der Überalterung des Spendenpublikums entgegenzuwirken. Dass gewisse Mechanismen sich stark an Computerspielen und Computerspielästhetik bedienen ist dann nur folgerichtig. Spiele sind eben extrem gut darin Belohnungszentren zu aktivieren, gerade wenn es sich eigentlich um eine ernste und extrem komplexe Sache handelt.
      Etwas schwieriger finde ich die Sache mit der Facebook-Implementierung. Man sieht sofort, wer gerade sein Meal geshared hat und der soziale Druck geht los. Das Spenden wird zum Event; zum Vehikel, die eigene Geltungssucht zu befriedigen. Fotos des eigenen Essens in den Social-Media-Kanälen zu verbreiten, nennt sich Foodporn. Will man das fördern? Andererseits haben jetzt reale Kinder in Lesotho oder Syrien was auf dem Teller. Wirklich zynisch da rumzukriteln.

      2. Zur Frage der Effektivität:
      Gerade das letzte Zitat deines Kommentars fällt bei mir aktuell auf fruchtbaren Boden. Es ist so schwer, das Richtige zu tun. Vegan, regional-saisonal, plastikfrei – in letzter Zeit wollte ich immer mehr nachhaltige Kriterien auf einmal in meinem Konsum berücksichtigen. Dabei ist mir ein bisschen der Spaß am Leben abhanden gekommen. Nichts war gut genug und im Supermarkt fühlte ich mich zunehmend verloren. Jetzt versuche ich das gute Gefühl beim Gutes tun wieder zurückzubekommen. Ganz wichtig, weil man sonst einfach kaputt geht und niemandem hilft. Wenn Menschen sich besser damit fühlen 40 Cent „direkt“ an Kinder in Afrika zu schicken und nicht in die Forschung für bessere Anbaumethoden, Transport und Lagerung zu stecken, ist das wohl ihr Weg Gutes zu tun.

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